In diesem Augenblick öffnet sich ein Zeitfenster, das leider meist viel zu kurz ist, um es zur Rettung des Motors nutzen zu können.
Wer (anders als mancher Troll) ernsthaft darüber nachdenkt, wie er einem Totalschaden seines Motors vorbeugen kann, sei darauf hingewiesen, dass es in der Industrie bei besonders hohen Ansprüchen an die Ausfallsicherheit tribologischer Systeme durchaus üblich ist, sich nicht nur auf ein Schmierverfahren zu verlassen:
Das Gebiet Flüssigkeitsreibung als Teilgebiet der Tribologie ist inzwischen weitgehend erforscht, wirksame Schmiermittel sind vorhanden. Was aber, wenn infolge ungünstiger Bedingungen kurzzeitig nicht eine ausreichende Menge Schmierstoff an die Reibstelle kommt? Beim Anlaufen einer Maschine etwa hat sich häufig noch kein zusammenhängender Schmierfilm gebildet. Dieser Zustand heißt Notlauf, er ist zur Zeit Gegenstand intensiver Forschung.
Häufig verwendete Öl-Zusätze sind Festschmierstoffe wie Graphit oder Molybdändisulfid. Ihre Moleküle haben die Form flacher Scheibchen die sich in die Vertiefungen der Metalloberfläche legen und so den Reibungswiderstand vermindern. Ein weiterer Effekt ist die Bildung von Schutzschichten durch chemische Reaktionen der Festschmierstoffe mit den zum Verschweißen bereiten Stellen, die durch die hohen Temperaturen dieser Punkte induziert werden. Bei Molybdänsulfid bildet sich auf diese Weise eine Schicht aus Eisensulfid, die das Verschweißen verhindert. https://www.zeit.de/1974/42/wer-gut-schmiert/seite-2
Der Text ist über vierzig Jahre alt, hat aber nicht an Aktualität verloren:
Die grauschwarzen Kristalle werden bereits seit etwa 70 Jahren als Schmiermittel eingesetzt und haben das bis dahin gebräuchliche Graphit aus der industriellen
Schmiertechnik fast vollständig verdrängt.
Einer der Hauptvorteile des Molybdänsulfids ergibt sich aus dessen Haftfähigkeit in Verbindung mit der geringen Reibung. Daraus ergeben sich gute Notlaufeigenschaften, zum Beispiel bei Ölmangelzuständen. Selbst bei Totalverlust des Öls bleibt die Schmierfähigkeit noch eine Weile erhalten. http://www.baumann-oil.de/documents/öladditive-palstek-beitrag.pdf
Auf die Motorschäden des HDI V6 übertragen soll mit MoS2 etwa der gleiche Effekt wie beim Ausfall der Ölversorgung von Sinterlagern erreicht werden: Sinterlager haben dank ihrer Poren ausgezeichnete Notlaufeigenschaften. Das heißt, im Falle einer Schmierstoffknappheit können die Lager ohne größere Schäden über einen bestimmten Zeitraum weiter betrieben werden. So bleibt genügend Zeit, die Schmierstoffknappheit zu erkennen und zu beheben. https://de.wikipedia.org/wiki/Sinterlager
Bricht der Druck im Schmierfilm an einem der Lager des HDI V6 zusammen, kommt es dort zu einer sprunghaften Reibungserhöhung. Die Reibungswärme lässt die Reibungspartner so schnell miteinander verschweißen, dass der Fahrer meist keine Chance mehr hat, angemessen zu reagieren und Einfluss auf die weiteren Folgen zu nehmen.
Mit einem Festschmierstoff im Öl und auf den metallischen Oberflächen ist die Reibungserhöhung bei Ausfall der Ölversorgung zunächst unbedeutend. Die Ölversorgung der Lager mag zusammengebrochen sein, aber die Schmierung ist für kurze Zeit weiterhin gewährleistet; nun halt nicht mehr durch eine Flüssigkeits-, sondern eine Feststoffschmierung. Würde der Motor gleich abgestellt werden, so könnte man einfach ausrollen (in vielen Fällen wohl ohne größere Folgeschäden). Weiterfahren ist natürlich nicht möglich, denn das Öl schmiert nicht nur, sondern führt auch Wärme ab. Übersieht man das Aufleuchten der Öldruckwarnleuchte oder andere Warnzeichen, kann es auch in diesem Fall zum Totalschaden kommen. Doch die Zeit vom ersten, ursächlichen Defekt bis zum Eintreten der katastrophalen Folgeschäden verlängert sich deutlich. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Fahrer rechtzeitig reagieren und Autoland Schwaben diesen Motor noch retten kann.