Dieses gebetsmühlenartig wiederholte Argument, dass jede zusätzlich verbrauchte Kilowattstunde aus fossilen Energieträgern stammen soll, ist für mich absolut nicht nachvollziehbar.
Der Leistungszubau im Stromnetz erfolgt nahezu in ganz Europa, vor allem aber in Deutschland und Österreich, seit Jahren so gut wie ausschließlich auf Basis erneuerbarer Energien, Energieerzeugung aus Kohle und Atom geht deutlich zurück - und zwar im Terrawattstundenbereich. Der Ausbau übersteigt den Mehrbedarf deutlich.
Es ist völlig absurd und würde bedeuten, dass man zwischen "alten" (=bestehenden) Verbrauchern und "neuen" Verbrauchern unterscheiden müsste. Demnach dürften also nur bereits vor dem Start der Energiewende bestehende Stromverbraucher sich auf zusätzlichen erneuerbaren Strom berufen, alle neuen Verbraucher wären auf die "alte" Energie angewiesen. Eine völlig absurde Argumentation. Wenn, dann müsste man eine Priorisierung vornehmen, welcher Verbraucher mehr "Anrecht" auf Ökostrom hätte, weil er wichtiger ist, als andere Verbraucher. Strom für notwendige Mobilität, der gesundheits- und klimaschädliche Energie für Mobilität ersetzt, wäre da sicher wesentlich weiter vorne zu priorisieren, als Strom für TV, PC, Rasenmäher, Wäschetrockner, Bitcoin-Mining und andere Bequemlichkeiten einer hochtechnologisierten Gesellschaft.
Natürlich wird der Umstieg auf 100% Ökostrom durch den raschen Ausbau von E-Mobilität in gewisser Weise "verlangsamt", da dieser Strom ansonsten für andere Verbraucher genützt werden könnte, aber es wird dabei völlig ignoriert, dass es um eine Betrachtung der Gesamtenergiebilanz gehen muss. Nur den Stromsektor allein zu betrachten ist doch absolut unsinnig. Wer sich heute ein Elektroauto kauft und dafür ein Ölauto weniger betreibt, spart aufgrund des wesentlich effizienteren Antriebs mindestens 75% an fossiler Primärenergie, selbst wenn der Strom des Elektroautos zu 100% aus Kohle stammen würde, was natürlich völliger Humbug ist. Ein Elektroauto benötigt Primärenergie im Ausmaß von rund 2000kWh pro Jahr, ein Ölauto dagegen 8000kWh/800 Liter (bei ca. 10-12.000km durchschnittlicher Jahreslaufleistung). Das ist eine erhebliche Einsparung an Primärenergie. Da dem E-Auto vorzuhalten, dass aber doch diese verbleibenden 2000kWh immer noch fossil wären und deshalb das E-Auto keinen Sinn mache, ist einfach stupide oder eine bewusste Verleugnung des wesentlich geringeren Energieeinsatzes des Elektroautos.
Und was auch ignoriert wird ist, dass ein Elektroauto auch Synergien bei der erneuerbaren Energieerzeugung schaffen und nutzen kann - durch zusätzliche Speicherkapazitäten, durch Nutzung von Lastspitzen, durch mehrfache Ressourcennutzung (2nd Life) etc.. Wenn der Wind nachts an der Ostsee kräftig bläst, solltet ihr Deutschen heilfroh sein, wenn viele E-Autos an der Steckdose in euren Garage hängen und diesen Windstrom laden, der sonst teuer an österreichische Pumpspeicher verkauft werden muss, weil es in Deutschland keine Abnehmer zu dieser Zeit dafür gibt.
Und auch rein physikalisch ist es natürlich Unsinn, denn der elektrische Strom sucht sich immer den kürzesten Weg. Wenn ich also das E-Auto lade und die PV-Anlage am Dach in diesem Moment Strom erzeugt, ist die Wahrscheinlichkeit verdammt hoch, dass auch tatsächlich dieser erzeugte PV-Strom in mein Auto fließt und nicht der importierte polnische Kohlestrom.