Oder einfach Hyundai Kona EV, Kia e-Soul oder Kia e-Niro: Alle drei 400km Reichweite, alle um 40K zu bekommen.
Hier meine Sommergeschichte: Ich war zwei Wochen in Südschweden unterwegs, Fahrt von Österreich mit einem gemieteten Kia e-Soul mit 64kWh Akku. Das Auto war brandneu (900km am Tacho) und erst wenige Tage zugelassen. Ich wollte ursprünglich mit einem e-Niro fahren, der allerdings kurzfristig nicht mehr verfügbar war. Zu meinem Glück, weil der e-Soul zwar das polarisierendere Design, aber dafür auch die modernere Technik hat.
Wir sind relativ ziellos aufgebrochen, ursprünglich war eine Reise mit Camping/Zelten an der deutschen Ostsee geplant, geworden ist es dann Südschweden - auch aufgrund der problemlosen Anreise mit dem Soul. Insgesamt haben wir in 2 Wochen 5.000 Kilometer abgespult, davon gleich am ersten Tag ca. 900km nach Hamburg und am letzten Tag wiederum 900km von Rostock über Prag zurück in die Heimat.
Die Route war im Groben: Oberösterreich - Hamburg - Malmö (am Landweg) - Göteburg - Stockholm - Trelleborg (Fähre nach Rostock) - Prag - Oberösterreich.
Ich habe vor der Fahrt einige Zeit überlegt, da mir das Model 3 eigentlich lieber gewesen wäre, ich aber erstens Bedenken bezüglich Bodenfreiheit beim Camping hatte und zweitens mir die letzte Fahrt mit dem Model 3 an die Adria schon fast zu langweilig war. Die Supercharger funktionieren zu gut, als dass es noch einen Besonderheitswert hätte.
Also andere Option. Für mich kam eigentlich von Beginn an nur Hyundai Kona EV oder Kia e-Niro in Frage. Beide mit gleicher Technik, der Kia mit etwas Platz und Effizienzvorteil, da wir auch davon ausgingen, ab und zu mal im Auto zu übernachten. Wie gesagt, geworden ist's der Kia e-Soul, worüber ich im Nachhinein nicht unglücklich war.
Vorweg zu den Keyfacts: Der Soul hat ein 64kWh-Akkupack, die reale Reichweite betrug bei uns 380km im normalen Autobahnfluss (also weder Hochgeschwindigkeitsorgien, noch Verkehrsbehinderung, sondern Mitschwimmen im fließenden Verkehr mit 110-150km/h je nach Gegebenheit) und rund 450km überland. Der Lader verträgt an Gleichstrom bis ca. 70kW Ladeleistung, was zwar weniger als die prospektierten 100kW sind, aber spürbar mehr, als vergleichbare 50kW in i3 und Co., leider an Wechselstrom dafür nur max. 7,2kW und das 1-phasig - sprich, die AC-Ladestationen, die korrekt angeschlossen waren, gaben nur gut 3,6kW ab.
Aber zurück zur Langstrecke:
Das EU-Förderprogramm für ein europäisches Schnellladenetzwerk trägt Früchte. Ich konnte in allen Ländern problemlos Ladestationen mit 175kW bzw. sogar 350kW-Ladern anfahren. Weitgehend waren es Ionity und Fastned. Diese Schnelllader sind besonders in Ostdeutschland etwas spärlich gesät, aber für die Durchfahrt konnte man sich drauf einrichten.
Die erste Strecke waren ca. 380km von Oberösterreich bis kurz nach Würzburg, wo wir am ersten Ionity-Lader Pause machten. Dann nochmals kurz vor Hannover und das wars. Übernachtet wurde in Hamburg mit kostenloser Ladestation in der Hotelgarage.
Weiterfahrt über Dänemark nach Malmö mit Zwischenladung direkt vor der Storebæltsbroen ebenfalls bei Ionity. Es gibt eine gut funktionierende Ionity-App, die auch andere Ladestationen teilweise anzeigt und mit der man die Ladung direkt starten kann. Kostet jeweils ca. 8 Euro pauschal, was bedeutet, das man versucht, die Pauschale möglichst auszureizen und vollzuladen.
Die gesamte Strecke von Hamburg nach Göteburg war gepflastert von einer sehr hohen Tesladichte. Sehr viele Model S, aber auch zahlreiche Model 3 und Model X. Dafür kaum ein anderes E-Auto-Modell zu sichten auf der Autobahn.
In Schweden selbst haben wir weitgehend an herkömmlichen 50kW-Triple-Chargern geladen, da erstens die Superschnelllader weniger verfügbar waren und zweitens der Zeitunterschied nicht so ins Gewicht viel, da wir die Ladestopps meistens ohnehin mit der Mittagspause verbanden. Was zu einem der real größten Probleme der E-Autos führt: Der unglaublich ungesunde Fraß an Autobahnraststätten.
Die Ladungen waren in Schweden insofern eine größere Herausforderung, da es zahlreiche unterschiedliche Betreiber gibt und man für jeden eine eigene App oder Ladekarte benötigt. Insgesamt kam ich mit E.on Drive, Forum Drive&Charge und letztlich der Maingau EinfachStromLaden App über die Runden. Wobei Fortum Drive&Charge mit Abstand die beste (einfachste) Appnutzung bietet. Auch wiederum kein Wunder, handelt es sich hierbei ja um den größten norwegischen Betreiber. Der Niveauunterschied zu den anderen Apps war beachtlich. Meine mitteleuropäischen Ladekarten inkl. ChargeNow von BMW war dagegen vor Ort unbrauchbar, da es keine Roamingpartner in Skandinavien gibt.
Die Apps der lokalen Betreiber waren vergleichsweise günstig (ca. 25 Cent/kWh bei Fortum und E.on), das Laden über Roaming wie mit Maingau dagegen leider exorbitant teuer (ca. 60 Cent pro kWh), aber wenn man darauf angewiesen ist, nimmt man es zähneknirschend in Kauf.
Ansonsten: Laden an den Campingplätzen war über Nacht natürlich immer möglich, auch in fast allen öffentlichen Parkgaragen und an allen größeren Parkplätzen finden sich Typ2-Wechselstromladestationen, meistens zumindest 6-8 Anschlüsse, die auch Großteils immer gut belegt waren (vor allem in Westschweden von den Norwegern).
Soviel zum Laden. Nun zum Auto selbst:
Ein tolles Fahrzeug. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich schon mal ein Auto gefahren bin, das rundum so gut abgestimmt und vollausgestattet ist. Die elektronischen Helferleins sind eine Wucht - Lenkassistent (auf den ich leider erst nach Hamburg draufgekommen bin) und Abstandtempomat sind hervorragend aufeinander abgestimmt, sodass sie insgesamt in vielen Situationen ein besseres autonomes Fahrgefühl vermitteln, als Teslas Autopilot. Insbesondere hat mir gegenüber dem Autopiloten gefallen, dass im Kia die autonomen Lenkbewegungen leichter und unaufgeregter übersteuert werden konnten. Sprich man kann trotz Lenkunterstützung jederzeit gut "mitlenken" (beispielsweise im Baustellenbereich), aber auch jederzeit wieder die Hände vom Steuer nehmen und den Assistenten machen lassen. Sehr entspannend auf hunderten Autobahnkilometern mit gefühlt weniger kritischen Situationen als im Tesla.
Ein besonderes Highlight im e-Soul ist die Rekuperation, die gegenüber Kona und Niro neu gestaltet wurde - der Wagen erkennt beispielsweise voranfahrenden Verkehr und rekuperiert beim Nähern völlig selbstständig, ebenso wie beim Bergabfahren. Gleichzeitig hat man Schaltwippen rechts und links vom Lenkrad mit denen man den Grad der Rekuperation manuell steuern kann, bis hin zum Stillstand. Was dazu führt, dass man die linken Schaltwippe eigentlich als Bremsenersatz verwendet. Ich bin mir noch nicht sicher, ob mir das gefällt oder nicht, da dadurch auch das "One-Pedal"-Gefühl etwas aufgehoben wird und man wieder mehr manuell zu tun hat, will man zum Beispiel an einer Ampel rein durch Rekuperation zum Stillstand kommen.
Auch ansonsten hat der Soul ein sehr harmonisches Fahrwerk, ausgezeichnete Beschleunigung (kein Wunder bei rund 200 elektrischen PS) und einen vergleichsweise niedrigen Verbrauch (ca. zwischen 14-17kWh/100km im Mischbetrieb) trotz steiler Stirnfläche. Auch dass die Ladeklappe vorne ist, hat in der Regel entscheidende Rangiervorteile beim Ranfahren an Ladestationen. Das hat er mit Nissan und Renault gleich.
Im Innenraum selbst ist viel Platz, der Kofferraum verbirgt noch ein riesiges Staufach unter dem Kofferraumboden - dort hatte unsere gesamte Zeltausrüstung inkl. Ladekabel Platz. Auch wenn der Wagen sehr kompakte Außenmaße hat, haben wir es doch geschafft mit Doppelmatratze hinten ein gutes Schlaflager für zwei zustande zu bringen. Selbst mit meinen 1,85m konnte ich dort besser schlafen als im Zelt Der Soul hat natürlich auch Standklimatisierung. Die verdunkelten Scheiben hinten schaffen auch Blickschutz (was in der schwedischen Wildnis ohnehin nicht unbedingt notwendig war).
Das Navigationssystem funktioniert sehr gut, auch Ladestationen könnten leichter in die Routenführung eingebunden werden, als mir das zB aus dem i3 oder gar dem ZOE bekannt ist. Lediglich die Live-Staumeldungen konnte ich nicht zum Laufen bringen.
Alles in allem ein hervorragendes Fahrzeug, bei dem ich einzig mit dem kasteligen Design etwas hadere. Der technisch nahezu idente e-Niro ist da gefälliger und etwas geräumiger. Das modernere Thermomanagement des Akkus hat aber angeblich der e-Soul. Apropos: Auch die Reichweitenprognose ist sehr eisern. Man kommt so weit, wie zu Beginn der Fahrt am Display versprochen wird. Eher sogar etwas weiter, wenn man's drauf anlegt. Das System dürfte daher eher von höheren Durchschnittsverbräuchen ausgehen, Luft nach unten ist jedenfalls da, ich habe mich in der Fahrweise nicht zurückgehalten, da der Akku immer gut voll war.
Wer heute ein alltagstaugliches E-Auto sucht, findet hier mit Sicherheit eines der aktuell besten (Tesla eingeschlossen).
lg
grojoh