Dass nahezu täglich neue Totalschäden von V6-Diesel gemeldet werden, lässt es dringend erscheinen, an einen Beitrag von „schwinge“ zu erinnern: „Nen 30er Öl würd ich nicht in meine Fahrzeugmotoren kippen. … Der Haltbarkeit auf Dauer leistet das keinen hilfreichen Beitrag.“
„schwinge“ hat m.E. recht.
Eigentlich könnte mir das Thema ja wurscht sein, da ich selbst keinen HDI V6 fahre. Es tut mir aber dennoch in der Seele weh, dass so viele der letzten, großen Citroen wahrscheinlich bloß aufgrund eines banalen Irrtums vorzeitig verschrottet werden. Nur darum fasse ich die Ergebnisse der Diskussionen in verschiedenen Threads an dieser Stelle zusammen.
Die V6-Diesel erleiden aus zwei Gründen plötzliche Totalausfälle:
Schmierungsversagen an unterschiedlichen Stellen (am häufigsten zerstörte Pleuellager oder Kolbenfresser)
Bruch der Kurbelwelle
Bislang liegt nur ein Gutachten vor.
Darin wird zum einen die mangelnde Biegesteifigkeit der Kurbelwelle beanstandet.
(Das würde zwar nicht den Schaden des begutachteten Motors erklären, wohl aber die gelegentlichen Kurbelwellenbrüche. Weil sich dagegen gar nichts machen lässt, werde ich mich damit nicht weiter befassen.)
Außerdem wird die Ausführung der Ölpumpe vage und ohne weitere Erläuterungen für ungeeignet erklärt.
Woran liegt‘s wahrscheinlich nicht?
Dass die HDI V6 häufig problemlos über 200.000 km halten (und zwar auch dann, wenn sie gelegentlich gefordert werden), deutet darauf hin, dass die Konstruktion an sich in Ordnung ist. Konstruktionsfehler gleich an mehreren Stellen (z.B. der Zylinder-Kolben-Paarung und den Gleitlagern) sind höchst unwahrscheinlich. Es ist offensichtlich, dass die Schmierung rein zufällig an irgendeiner Stelle des Motors ausfällt.
Mängel der Ölförderung scheiden m.E. aber auch als Ursache aus. Eine Ölpumpe auf hinreichende Lebensdauer auszulegen gehört zu den leichtesten Konstruktionsübungen. Zudem sind die üblichen Sicherheitsaufschläge erheblich.
Für die Ölpumpe als Schadensursache sprechen bislang nur unbelegte Behauptungen eines Motoren-Instandsetzungsunternehmens. Autoland Schwaben hat Fotos eines demontierten Motors ins Netz gestellt (https://www.autoland-schwaben.de/motoreninstandsetzung/). Außerdem gibt es die Abbildungen aus dem Gutachten. Die Ölpumpen beider Motoren waren aber in Ordnung.
In Jaguar- und Rover-Foren wurden auch keine defekten Ölpumpen der nahezu baugleichen Motoren gemeldet.
Die These mitdrehender Lagerschalen konnte ebenfalls nie bestätigt werden.
Die häufig genannte Vermutung „Ölverdünnung“ weist nur ungefähr in die richtige Richtung, denn beim begutachteten Motor betrug die Ölverdünnung gerade mal sieben Prozent. Dieser Wert kann unter ungünstigen Bedingungen schon nach wenigen tausend km Fahrt erreicht werden; ihn mit besonders häufigen Ölwechseln sicher zu unterschreiten, ist unter Alltagsbedingungen praktisch unmöglich. Eigentlich sollte das aber auch gar nicht nötig sein, denn eine Ölverdünnung in dieser Höhe gilt nicht als kritisch. Kontrollmessungen an vielen anderen Autos hatten bis zu doppelt so große Werte ergeben, ohne dass es zu vermehrten Motorschäden kam.
Für das Schmierungsversagen bleibt nur eine plausible Erklärung: Ungeeigneter Schmierstoff.
Am wahrscheinlichsten ist, dass andere Autohersteller bei der Vorgabe der zulässigen Ölsorten im Bewusstsein des Risikos der Ölverdünnung wesentlich vorsichtiger als Citroen waren. Aus dem Gutachten der Uni Magdeburg ist bekannt, dass die minimal zulässige Hochtemperaturviskosität eines Öls des Typs 5W30 schon bereits bei etwa fünf Prozent Ölverdünnung unterschritten wird.
Dazu ein kleines Gedankenspiel: Was passiert mit einem Motor, dessen Motoröl-Viskosität schrittweise immer weiter verringert wird?
Zunächst gar nichts. Das Schmiervermögen eines Öls wird unter normalen Umständen nur zum Teil in Anspruch genommen. Daher läuft der Motor auch mit etwas zu dünnem Öl normal weiter.
Nun ist es aber so, dass die Bauteile auch unter modernsten Fertigungsbedingungen Toleranzen und manchmal auch Fehler aufweisen. Daher hat jeder Motor im Hinblick auf die Schmierung individuelle Schwachstellen; das kann bei dem einen ein bestimmter Kolben und beim anderen ein Gleitlager sein. An welcher Stelle genau ein Motor aufgrund fortschreitender Ölverdünnung erste Schäden zeigt, lässt sich prinzipiell nicht vorhersagen.
Genau in dieser Situation scheinen sich zurzeit alle HDI V6 zu befinden, die mit einem 5W30-Öl gefahren werden:
Es sieht danach aus, dass Citroen keine ausreichende Sicherheitsreserve zum Ausgleich der Ölverdünnung vorgesehen hat. Eine andere, schlüssige und widerspruchsfreie Erklärung gibt es nicht.
Möchte man ein 5W30-Öl zur Verwendung freigeben, dann muss man den Motor halt so konstruieren, dass er auch mit einem W20-Öl sicher zu betreiben ist. Ist der Motor aber auf die Hochtemperaturviskosität eines W30-Öls angewiesen (was für die HIDI V6 zuzutreffen scheint), dann muss man ein eben W40-Öl vorschreiben, um ausreichende Schmierung trotz Ölverdünnung sicherzustellen.
Ein solches Öl war im ersten Modelljahr des C6 zwar nicht vorgeschrieben, aber zumindest zulässig gewesen. Dieses Öl aus der Liste der zulässigen Schmierstoffe zu streichen, war m.E. ein (für viele Motoren tödlicher) Fehler. Ich halte das für die entscheidende Ursache der Motorschäden.
Dass ein W40-Öl die Häufigkeit der Motorschäden tatsächlich senken würde, kann niemand garantieren. Dass eine solche Umstellung die Sicherheitsreserven der Schmierung erhöhen würde, steht aber völlig außer Frage, daher ist diese Annahme plausibel. Und schaden kann es überhaupt nicht.
Ob diese Hypothese stimmt, kann (wie schon bei den Undichtigkeiten der Federzylinder) nur ein Versuch zeigen. Allein, die Zahl der Fahrzeuge, die an diesem Versuch überhaupt noch teilnehmen könnte, sinkt täglich. Viel Zeit bleibt nicht mehr.
Wer die bisherigen Threads zum plötzlichen Suizid der V6-Diesel aufmerksam gelesen hat, weiß dies alles längst. Daher erscheint es mir völlig unverständlich, dass immer noch HDI V6 mit 5W30-Öl auf der Straße unterwegs sind.
Dem nächsten C6-Eigner, der sich beim Öl immer noch an die Vorgaben von Citroen hält und dem sein Motor um die Ohren fliegt, wird man sagen müssen: Selber schuld, denn Du hast die einzige, sinnvoll erscheinende Möglichkeit der Vorbeugung nicht genutzt.