Da gerade dieser interessante Zeit-Artikel verlinkt wurde, melde ich mich hier mal mitten aus dem schwedischen Experiment. Zunächst, wenn man die nackten Zahlen der registrierten Fälle betrachtet, dann sieht die Situation relativ entspannt aus. Während der letzten Woche im Schnitt nur 10 % neue Erkrankungen pro Tag - viel weniger als in Ländern mit erheblich größeren Einschränkungen der Bewegungsfreiheit:
https://datawrapper.dwcdn.net/OXuWn/23/
Dazu muß man wissen, daß hier seit dem 13. März nur noch getestet wird, wer mit ernsten Symptomen im Krankenhaus oder bei einer "vårdcentral" (eine Art Polyklinik) vor Ort erscheint. Verdachtsfälle mit leichten Symptomen, die sich telefonisch melden, wozu auch dringend geraten wird, werden aufgefordert, zu Hause zu bleiben, dürfen aber vorbeikommen, wenn sich die Lage über das normale Maß einer Erkältung hinaus verschlechtert. Es gibt also mutmaßlich eine wesentlich größere Dunkelziffer als z.B. in Deutschland.
Bewegen darf man sich frei, aber es ist wesentlich ruhiger geworden in der Stadt. Viele Unternehmen haben ihren Mitarbeitern Homeoffice verordnet, Gastronomie und teilweise auch der Handel haben durchaus zu kämpfen. Handwerker weniger, auch Termine bei der Citroën-Werft haben immernoch die üblichen Wartezeiten. Bei mir auf der Stadtverwaltung ist das Homeoffice freiwillig, was dazu führt, daß etwa 1/3 des Personals zu Hause bleibt, entweder weil man sich als Angehörige/r einer Risikogruppe selbst schützen will, oder wegen Erkältungssymptomen. Ältere ziehen sich so weit wie möglich in ihr Zuhause und in die Natur zurück und bekommen von der jüngeren Generation vielfach Hilfe beim Einkaufen.
Das Ganze funktioniert relativ gut, weil Schweden außerhalb der Großstädte recht dünn besiedelt ist, und naturgemäß relativ wenig ÖPNV genutzt wird. Der Bestand an Pkw pro Person ist im europäischen Vergleich mit am höchsten. In weniger großen Städten können viele ÖPNV-Kunden auf Fahrrad, zu Fuß gehen, Auto oder Homeoffice ausweichen. Für Stockholm allerdings mache ich mir größere Sorgen, die Stadt funktioniert ohne die Tunnelbana (U-Bahn) quasi nicht, der Nutzungsgrad ist sehr hoch. Hier sind die Wege oft zu lang, um zu Fuß zu gehen, das Radwegenetz eher suboptimal, und viele haben dank des guten ÖPNV-Netzes und mangels Parkplatz überhaupt kein Auto. Ähnlich ist es in Göteborg mit der Straßenbahn, aber die Stadt ist kompakter, die Wege kürzer.
Die Strategie der Regierung folgt auch der schwierigen Gratwanderung, daß das Virus ohnehin nicht gestoppt werden kann und man sich längerfristig von einer Immunität großer Teile der Bevölkerung den besten Schutz verspricht, während man gleichzeitig unbedingt vermeiden muß, die Krankenhäuser zu überlasten. Mit einer totalen Isolation, so die Theorie, würde der Aufbau der Herdenimmunität zu lange dauern, und die Verbreitung in den nächsten Monaten und Jahren danach immer wieder irgendwo aufpoppen, und man müßte von vorne anfangen. Völlig ohne Maßnahmen wäre das Gesungheitssystem binnen kürzester Zeit hoffnungslos überlastet. Also versucht man, das optimale Mittelmaß zu finden und dabei möglichst vielen helfen zu können, die schwer erkranken.
Ich hoffe wirklich, daß sich die Strategie als für Schweden richtig erweist - wissen wird man es erst hinterher. Für andere Länder mögen andere Strategien richtiger sein.
Bleibt gesund!
Martin