Das ist schlichtweg argumentativer Unsinn. Ein E-Auto hat einen Primärenergiebedarf, der in etwa ein Drittel eines Verbrenners beträgt - eher ein Viertel. Selbst für den unrealistischen Fall, dass also wirklich über die gesamte Ladedauer absolut kein Elektron erneuerbarer Energie eingespeist wird, bedeutet das also schon mal allein aufgrund der höheren Effizienz des Gesamtsystems eine erhebliche Einsparung an fossiler Energie und Treibhausgasemissionen in der Gesamtbetrachtung. Ich finde es immer interessant, wie in der Diskussion zwar lauthals auf eine zu 100% ideale Stromherkunft insistiert wird, aber mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt wird, dass für jeden Akkuwagen mehr ein Ölkessel weniger in Betrieb ist.
Und nun kann man über Atomkraft streiten - ich bin strikter Gegner - aber für hohe CO2-Emissionen ist Atomkraft nicht wirklich verantwortlich, die Probleme der Atomkraft liegen anderswo. Nebenbei polemisch bemerkt: Kohle wird lokal gewonnen und lokal unter hohen Luftreinhaltungsstandards verstromt - schon allein das wäre eigentlich für jeden Ökonomiepatrioten ein Argument für das E-Auto im Vergleich zu den Milliarden Euros, die wir jährlich an Verbrecherregime in Nahost und andernorts für dreckiges Öl (im ökologischen und sozialen Sinn) abliefern.
Auch das Argument - das wir hier an dieser Stelle auch schon des Öfteren durchgekaut haben -, dass jeder zusätzliche Verbraucher automatisch fossil/atomar wäre, solange noch kein Erneuerbaren-Überschuss existiert, ist einfach falsch. Schon allein die Nicht-Gleichzeitigkeit des Strombezugs spricht hier klar dagegen. Wenn mein E-Auto nachts am Netz hängt, wo ansonsten Windräder gedrosselt werden müssen, weil es keine Abnehmer gibt, lädt das Auto natürlich einen erheblichen Teil erneuerbar. Ebenso an Sonnentagen, wo der Marktpreis regelmäßig unter Null fällt, weil zuviel Strom erzeugt wird.
Und wenn man Erzeuger gemäß ihrer Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit im Stromnetz priorisiert, werden gemäß Merit-Order-Modell immer zuerst die erneuerbaren Einspeiser herangezogen, weil diese die niedrigsten Grenzkosten haben. Schaut man sich dann die Verbraucherseite an, kann man hier anführen, dass ein E-Auto, das einen Verbrenner ersetzt, ein wichtigerer Verbraucher ist, als zB eine Mikrowelle, der zweite Fernseher, der Rasenmäherroboter oder der Akku der Spielzeugdrohne - Verbraucher, die vorrangig der Bequemlichkeit dienen. Wenn also Verbraucher vom Netz gehen sollten, dann wären es wohl vorrangig diese.
Um noch ein Beispiel für die Absurdität dieses Arguments zu bringen: Wenn man keinen zusätzlichen Verbraucher ans Netz bringen dürfte, solange nicht 100% erneuerbare Stromerzeugung geschafft ist, dürfte mit der gleichen Argumentation ab sofort kein einziger Neubau mehr genehmigt werden, kein zusätzliches Smartphone, kein zusätzlicher Rechner, keine zusätzliche LED, weil ja zuerst die "bestehenden" Verbraucher mit grünem Strom versorgt werden müssten, bevor man weiter macht.
Und beim E-Auto kommt ja hinzu, dass es zwar ein zusätzlicher Stromverbraucher ist, aber eben kein zusätzlicher Energieverbraucher, sondern im Gegenteil einen anderen, deutlich ineffizienteren Verbraucher ersetzt - nur eben auf Basis anderer Energieträger. Soviel zu der landläufigen Polemik "Man hat uns die Glühbirne genommen und jetzt sollen wir E-Auto fahren?".
Übrigens ein kleiner Seitenwink: Wer E-Auto solange nicht fährt, solange nicht 100% des Stroms aus Erneuerbaren kommt, der darf an Wasserstoff schon erst gar nicht denken. Auch nicht an E-Fuels oder Bio-Fuels.
Also ja, das E-Auto funktioniert umso besser, je mehr erneuerbare Energie wir einspeisen. Es bedeutet aber keineswegs, dass es deshalb solange unsinnig wäre, auf E-Mobilität umzusteigen, solange noch nicht 100% erneuerbarer Strom im Netz ist. Das ist ein Prozess, der Hand in Hand geht und eine Systemtransformation darstellt, die schon aufgrund des langsamen Transformationstempos nicht hintereinander, sondern gleichzeitig erfolgen muss.
Rund 50TWh an Strom wurden übrigens in den letzten Jahren jährlich von Deutschland in die Nachbarländer netto exportiert. Strom, der reichen würde, um ein Drittel des deutschen PKW-Bestandes mit Strom zu betreiben. E-Mobilität ist also nicht nur ökologisch, sondern auch volkswirtschaftlich höchst sinnvoll, weil mehr Energie-Wertschöpfung im Land bleibt.
Jetzt um 23:30 Uhr, wo ich diese Zeilen schreibe, wird der Strom in Österreich lt. electricitymap.org übrigens zu 97% aus erneuerbaren Quellen gedeckt - in Deutschland immerhin zu 36%, und auch in Tschechien noch zu 20% - alles besser als zu 0% erneuerbar wie bei fossilem Diesel und Benzin. Ein nicht unwesentlicher Teil der Produktionsleistung fließt derzeit übrigens in unsere alpinen Pumpspeicher - und jetzt stelle man sich vor, man hätte über ganz Europa verteilt Millionen vernetzte Speicher.
Letztlich bleibt immer die Frage, welche Energieform können wir für welchen Anwendungszweck am effizientesten einsetzen? Und da ist das Verbrennen fossiler Energieträger mit hohem Wärme- und Wirkungsverlust für Mobilitätszwecke denkbar ungeeignet. Das können wir besser.