Mit anderen Worten: Man kann nur moralisch sein, wenn man sich selber Denkverbote auferlegt.
Dann erklär mir doch bitte mal dieser Lütz, wie er Moral definieren will, wenn er für einen geistig gesunden Menschen Denkverbote voraussetzt, die eben gerade ausschliessen, über gut und böse nachdenken zu dürfen, weil wer böse Gedanken zulässt, ist ja schon völlig unmoralisch.
Nehme ich mal Kants (ohne Rekurs auf einen Gott oder eine Religion auskommende und deshalb erst valable) goldene Regel als Methode, um zu einer weltlichen Moral zu kommen, so muss ich mir doch Gedanken dazu machen, wie mit mir selber umgegangen werden soll. Daraus folgt nach Kant, wie ich mit anderen umzugehen habe. Diese Überlegungen erfordern Grenzfallstudien, die unmöglich oder sinnlos werden, wenn ich mir Denkverbote auferlege. Anders gesagt: Wenn ich wissen will, wie ich erwarte, dass andere mit mir umgehen, um zu erkennen, wie ich mit anderen umgehen soll, muss ich mir auch überlegen dürfen, wie man mit mir (und also anderen auch) nicht umgehen soll/darf.
Indem ich diese Grenzfallüberlegung mache und also auch Denke, was nicht getan werden darf, bin ich gemäss Deinem Herrn Lütz schon gewissenlos.
Frage: Wie kommt dann Herr Lütz auf seine Moral? Wie also zu dem Masstab, nach dem sich das Gewissen zu richten hat? Er kann seine Moral ja nicht durch Nutzung des eigenen Verstandes erreichen, denn er verbietet dem moralischen Menschen ja das freie Denken und sieht das als psychopathologisch an.
Somit kann er zu keiner rationalen Moral kommen.
Er muss also falsch liegen. Nicht unmoralische Gedanken sind es, die einen gewissenlos machen. Es ist die fehlende Hemmung, solche Gedanken zu realisieren, die gewissenlos ist. Denn ohne Denkverbote kann ich eigene Moral entwickeln. Darf ich das nicht, weil ich schon gewissenlos bin, wenn ich unmoralisches denke, werde ich anfällig für allerhand Rattenfänger, die mir ja dann vormachen könnten, sie wüssten, was moralisch ok sei, ohne dass ich das letztlich prüfen könnte. Dazu müsste ich ja Grenzen gedanklich ausloten dürfen, und wäre dann gewissenlos und psychisch krank, nach dem, was Du hier über Herrn Lütz sagtest.
Wenn der das ernst meint, kann er damit nur falsch liegen. Oder er müsste Kant und damit einen wichtigen Stützpfeiler aufklärerischen Gedankenguts erstmal widerlegt haben.
Richtig ist: Es kommt nicht drauf an, was man denkt, denn reine Gedanken tun niemandem weh, und gefährden auch keine Leben. Das Gewissen offenbart sich, wenn man eben nicht jeden noch so doofen Gedanken umsetzt. Es hat nicht die Aufgabe, Gedanken zu verhindern. Das Gewissen steuert nicht das Denken, sondern das Verhalten. Nur so passt das zum aufgeklärten Menschenbild.