Der Punkt ist, "Energiewende" wird meistens synonym für "Stromwende" verwendet, ich gehe davon aus auch in diesem Fall. Anders ist es schon allein aufgrund der Energiemengen nicht möglich, wenn man die Reduktion der benötigten fossilen Energie inkl. gesamter Vorkette einbezieht.
Nochmal in aller Deutlichkeit: Fallen 47 Millionen Verbrenner weg, brauchen die rund 47 Milliarden Liter Treibstoff (exkl. Vorkette) weniger - das entspricht einem Energieäquivalent von ca. 470 TWh. 47 Millionen E-PKW brauchen dagegen (auch laut Angaben des Autors) rund 91TWh. Ein Minderenergieverbrauch von 379TWh an fossiler Energie PRO JAHR - bei ausschließlich fossilem Stromverbrauch, ansonsten braucht man im Vergleich noch deutlich weniger fossile Energie für den gleichen Zweck.
Außerdem: Ja, es mag sein, dass es ansonsten 10 Jahre schneller gehen würde, das Stromsystem erneuerbar zu machen - aber was dann? Dann steht man immer noch mit einem Fuhrpark von annähernd 100% fossilen Verbrennern da, hat nichts geschafft in punkto Akkuforschung, nichts geschafft in punkto Materialforschung, nichts geschafft in punkto Ladetechnologie, sondern hat halt ein 100% erneuerbares Stromsystem, aber immer noch 50 Millionen PKW, die regelmäßig mit fossiler Energie betankt werden.
Ich unterstreiche die Aussage von Kirunavaara vollinhaltlich. Auch ich hab mir den Blog unter https://www.blog-der-republik.de/greenwashing-studien-affirmative-begleitforschung-zu-elektroautos-teil-1/ nun ärgerlicherweise zu Gemüte geführt, aber es werden dort derartig viele Unterstellungen und absichtliche Fehlinterpretationen angeführt, dass es wirklich anstrengend ist, sich damit inhaltlich auseinanderzusetzen.
Ich nenne ein paar davon:
Stimmt. Zeigt aber, dass je mehr Erneuerbare im System sind, umso weniger oft muss auf diesen Marginalstrom zurückgegriffen werden - siehe zB die Tage, an denen in Großbritannien in den letzten 8 Jahren auf Kohlestrom zurückgegriffen werden musste:
Und es bedeutet auch, dass man - wie in Österreich geschehen - die Kohleverstromung komplett durch Gas ersetzen kann. Das Gaskraftwerk Mellach in der Steiermark steht die meiste Zeit des Jahres still und dient weitgehend nur dem Netzausgleich. Mit dieser Umstellung allein, könnte man bereits den CO2-Wert deutlich reduzieren, auch wenn man weiterhin gelegentlich fossilen Marginalstrom benötigt.
Stimmt eben nicht. Diese Annahme geht davon aus, dass Leistungsbezug und Energieerzeugung immer konstant wären. Sind sie aber nicht - fossile Kraftwerke laufen in einem bestimmten Leistungsbereich durchgehend, kommt viel Erneuerbarer Strom dazu, ändert das wenig daran, dass trotzdem der Kohlestrom erzeugt werden muss. Die Folge: Windräder stehen still, weil die Abnehmer fehlen, obwohl trotzdem Kohlestrom gleichzeitig produziert wird.
Der Autor rechnet hier bewusst mit 100% Kohlestrom für den Renault ZOE (den er gehässigerweise konsequent als ZEO bezeichnet, warum auch immer) und setzt dann für den ZOE noch den Akku mit drauf:
Er ignoriert dabei sowohl die zusätzliche graue Bereitstellungsenergie für den Treibstoff bei den beiden fossilen Varianten, als auch, dass der Akku beim Zoe dafür mit etlichen Komponenten gegengerechnet werden muss, die beim Elektroauto gegenüber dem Verbrenner wegfallen. Diese Vorgehensweise zieht er durch alle seine Annahmen und Darstellungen: E-Auto mit 100% Kohlestrom und Akkuherstellung (ausgehend von hohen 120kg CO2/kWh, was längst in neueren Studien widerlegt wurde) gegenüberstellen mit Diesel und Benzinern, bei denen ausschließlich der Tank-to-Wheel-Energieverbrauch herangezogen wird.
Und wie eingangs vermutet - der Autor bezieht sich mit "Energiewende" ausschließlich auf "Stromwende" und ignoriert dabei, dass bei 47 Millionen Elektroautos auch 47 Millionen Verbrenner und ihre Umsysteme wegfallen.
(völlig nichtssagende Darstellung by the way)
Die Aussage "Die fossilen Kraftwerke können erst dann abgeschaltet werden, wenn der gesamte Strom aus EE erzeugt werden kann" stimmt nicht. Der EE Ausbau ist der entscheidende Faktor - und dieser geht aktuell schneller voran, als der Ausbau der Elektromobilität. Wie er selbst schreibt, beträgt der durchschnittliche EE-Ausbau in den letzten zehn Jahren PRO Jahr 12-13 TWh - genug für 5 Millionen E-Auto JÄHRLICH zusätzlich. Derzeit liegt Deutschland bei insgesamt ca. 300.000 E-Autos, Tendenz stark steigend, aber von einer kompletten Umstellung von 50 Millionen PKW in den nächsten 10-15 Jahren gehen nicht einmal die größten Utopisten unter den Ökofundamentalisten aus, geschweigedenn irgendwelche seriösen Betrachtungen.
Der Autor schürt damit also bewusst ein Bild der Verunmöglichung, obwohl dieser Ansatz sich mit keiner realen Entwicklung decken lässt.
Dann geht er auf die Thematik der Selbstversorger mit PV-Strom ein, die ihm ein besonderer Dorn im Auge sind:
"Ladestrom aus Solarkraftwerken ist Energie, die einer minderwertigen Verwendung zugeführt wurde."? Wie ist denn das zu verstehen? Läuft meine Waschmaschine minderwertiger, wenn ich sie mit Solarstrom, statt Kohlestrom betreibe? Ist das Ersetzen von einem ineffizienten Verbrennungsmotor für Mobilität eine "minderwertige Verwendung"?
Wie auch oben beschrieben: Viele E-Auto-Fahrer, die ich kenne, vergrößern ihre PV-Anlage oder schaffen diese größer dimensioniert an, AUSSCHLIESSLICH wegen der zusätzliche Nutzung für das E-Auto. Es ist also einfach eine falsche Behauptung, dieser Solarstrom würde auch andernfalls zur Gänze dem Netz (wer ist "das Netz"? Welchen Vorrang hat "das Netz" gegenüber einem Einzelverbraucher, der damit bei sich zuhause einen großen fossilen Energieverbraucher ersetzt?) zur Verfügung stehen. Das E-Auto ist - mittlerweile auch für Wohnbaugesellschaften und Betriebe - tatsächlich ein zusätzlicher Anreiz für eine (große) PV-Anlage, insbesondere bei sinkenden Einspeisevergütungen.
Und auch hier das Thema: Wenn viel Solarstrom erzeugt wird, kann deshalb das Kohlekraftwerk aufgrund seiner technischen Beschaffenheit trotzdem nicht einfach abgeschaltet werden, solange es in Betrieb ist.
Dann aber zeigt sich des Pudels Kern: "Strom lässt sich nur einmal verbrauchen; man kann damit nur entweder ein Elektro-Spaßmobil speisen oder aber Kohlestrom ersetzen."
Und dann wird es noch absurder - er fordert statt dem Elektroauto das Wasserstoffauto und schreibt, dass es egal ist, ob nun 90TWh mehr erneuerbarer Strom benötigt wird, oder 210TWh wie beim Wasserstoffauto.
Ääääähhhh...????
Aber damit hat er recht:
Nein, es ist nicht sinnvoll. Und weil die Wasserstofftankinfrastruktur rund 500 Milliarden bis 2050 mehr kosten würde, als die E-Ladeinfrastruktur, sollte klar sein, wohin die Reise gehen muss, wenn man nicht völlig plemplem, oder Nutznießer des Wasserstoffs ist.
Fazit: Bloß nicht handeln. Auf Jahrzehnte verschieben.
Ob das dem Klima zuträglicher ist?
Also ja, niemand muss zu einem E-Auto gezwungen werden. Es gibt durchaus noch gute Gründe dagegen:
- Preis ist mir noch zu teuer (in den Vollkosten bereits nicht mehr argumentativ haltbar)
- Ein passendes Modell (meiner Lieblingsmarke) ist noch nicht dabei
- Die Ladesituation in meinem Alltag könnte noch etwas knifflig sein (zumeist nur solange ein Argument, bis man einfach eine Lösung dafür zu suchen anfängt)
Aber das Energieargument ist wirklich kein gutes.