Ich konnte gestern den ID3 ausgiebig Probe fahren (ca. 200km) und bin weitgehend positiv angetan.
Das Auto selbst ist unscheinbarer und unauffälliger von außen, als es die Werbebilder glauben lassen. Er wirkt eher wie ein Polo, auch wenn er platzmäßig mehr drauf hat als der Golf. Insbesondere in dem dunklen Grau geht er in der Masse der Autos unter und hat keinen sonderlichen Wow-Effekt, wenn man davorsteht - bis auf die Leuchtleiste an der Front.
Mit dem Cockpit innen findet man sich erstaunlich schnell zurecht, auch wenn manches seltsam gelöst ist. Die Menüsschalter sind beispielsweise nicht beleuchtet, man sieht sie in der Nacht schlichtweg nicht. Die Satelitten und das Display um das Lenkrad kommen vertraut aus dem BMW i3 vor, haben aber auch Citröniges an sich.
Wirklich nervig sind zum Teil die vielen elektronischen Helferlein wie der Spurhalteassisten oder das vorausschauende Rekuperieren. Das greift meiner Meinung nach zu stark in das Fahrverhalten ein, ohne es aber gleichzeitig geschmeidig zu machen. Vor Kurven bremst das Auto automatisch herunter, aber nicht so viel, dass man wirklich eine angenehme Kurvengeschwindigkeit erreicht ohne Nachzujustieren. Generell ist diese Rekuperationsautomatik aus dem e-tron bekannt, hat für mich aber in der Praxis wenig realen Komfortgewinn.
Nett ist die Lichtleiste im Inneren an der Frontscheibe, die während der Fahrt Signale gibt. Das ist wirklich ein Mehr an optischer Information des Fahrzeugs, die auch tatsächlich hilfreich ist.
Insgesamt fährt sich der ID3 sehr geschmeidig, die Rekuperation könnte für meinen Geschmack stärker sein, ein One-Pedal-Drive-Gefühl kommt nicht auf. Die Federung ist hart, nicht unbequem, aber etwas unruhig bei Unebenheiten. Auch hier ähnlich dem i3 oder dem Model 3. Man merkt in den Kurven den Hinterradantrieb etwas, aber das Handling ist sehr gut.
Auf der Autobahn ist der Fahrkomfort hervorragend. Sehr ruhig, leise und leistungsstark. Man erreicht schnell die 150kmh und hat nicht den Eindruck, dass sich der Wagen damit sonderlich quält. Wirklich positiv überrascht von der Laufruhe und der Lautstärke im Innenraum bei hohen Geschwindigkeiten.
Auch die CCS-Ladeleistung überzeugt. Wir haben von ca. 30% bis 80% in ziemlich exakt 30 Minuten geladen, das waren 29,9kWh, also im Durchschnitt mit 60kW. Das ist schon ganz ordentlich und der Mercedes EQC neben uns hat ganz schön gestaunt, weil er stand für 30kWh bereits über 40 Minuten am 150kW Lader. Etwas Herumtrödeln bis zum Café nebenan und bevor die Suppe fertig war, hatten wir die 80% und hätten eigentlich wieder weiter können.
Katastrophal wie immer die Ladepreise bei Ionity. 79 Cent pro kWh, das macht mit gut 20 Euro für rund 150-200km einfach keinen Spaß.
Insgesamt positives Fazit, ein sehr solides zuende gedachtes E-Auto mit etwas billiger Anmutung im Inneren, die aber weniger stört als man auf den ersten Blick glaubt. Aber kaum Alleinstellungsmerkmale gegenüber anderen E-Autos dieser Preisklasse. Der Kia e-Soul letzten Sommer hatte mir beispielsweise einen souveräneren Eindruck gemacht. Also der Hype um den ID3 aus meiner Sicht etwas überzogen. Gut, aber keineswegs besonders herausstechend.