Ich sehe mir grad Scobel an. Da dreht sich alles um die sog. Kipppunkte komplexer Systeme.
Von der Parteienlandschaft Deutschlands (oder der meisten anderen Länder) über den Klimawandel, Corona, den arabischen Frühling oder Wirtschaftszyklen, irgendwie drängt sich da ein Faust'scher Ansatz auf. Das ist mehr ein Gefühl, eine dunkle Ahnung, denn Gewissheit. Vielleicht hängen solch komplexe Systeme eben nicht nur im Sinn eines Dominoeffekts zusammen, sondern auch bezüglich der "Gesetzmässigkeiten", denen sie folgen. Etwa in der Art, wie die Gauss'sche Normalvertzeilung auf verschiedenste Lebens- und Natursachverhalte passt...
Auf einer etwas philosophischeren Ebene - es gelingt mir oft erst nach Sonnenuntergang, die Zeit und Ruhe zu finden, in diese Sphären vorzudringen - komme ich da nicht um die grandiose Story von Adam, Eva und dem Paradies herum. Bevor jetzt alle areligiösen und Nichtchristen aussteigen: Ja, das steht in der Bibel. Aber: Nein, die religiöse Dimension spielt hier keine Rolle.
Grob läuft das ja so, dass Adam und Eva im Paradies lebten, bis Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis (ja, so stehts da!) kostete. Das hatte der Schöpfergott (an den man nicht glauben muss, für die vorliegenden Zwecke) den beiden bei Strafe verboten. Da nun aber Eva das Verbot missachtete, indem sie vom Baum der Erkenntnis naschte, folgte als Strafe die vertreibung aus dem Paradies.
Lösen wir uns mal vom Gedanken der Strafe, und lassen den Herrgott für einmal einen guten Mann sein, der hier auch nicht weiter Beachtung finden muss.
Übrig bleibt der Baum der Erkenntnis, von dem nur der Mensch kostete, was ihn das Verbleiberecht im Paradies kostete. Philosophisch gesehen trennt damit diese Erkenntnis die Menschheit vom Rest der Tier- und Pflanzenwelt, der Vollständigkeit halber auch von den Pilzen. Tiere, Pflanzen, und Pilze vermehren sich, wie sie eben können, und kämpfen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln ums individuelle Überleben. Den gesamten Kosmos, das System, zu dem sie gehören, können sie nicht erkennen und verstehen, und solange sie bei ihren Instinkten und dem Intellekt bleiben, der ohne Sprache möglich ist, müssen sie das auch nicht können.
Anders beim Menschen. Dessen Fähigkeit zur Erkenntnis hat ihn sich über die ihm biologisch gegebenen Möglichkeiten hinwegsetzen lassen. Das ist erstmal gut. Wenn man sich ein Haus und eine Heizung schaffen kann, und Vorräte anlegen, steigt die Überlebensquote.
Was wir aber noch nicht erkannt haben, oder nach welcher ja vielleicht schon vorhandenen Erkenntnis wir uns jedenfalls nicht richten: Vernunft macht es möglich, zwischen gut und schlecht zu unterscheiden. Soweit, so banal. Nicht so banal ist, dass diese Unterscheidung nicht nur möglich sondern existentiell notwendig wird, ab dem Punkt, wo der Mensch die dominante Spezies des Planeten ist, in einem System, das eigentlich nicht auf sowas wie eine dominante Spezies ausgelegt ist.
Kurz: Weil wir Vernunft haben, sind wir die dominante Spezies. Wir sind die einzigen, die strategisch weit genug vorausplanen können um uns gegen alle anderen Arten auf Erden durchzusetzen, und oben zu bleiben. Weil wir damit die Gestaltungshoheit nicht nur über unsere Zukunft, sondern über den gesamten Planeten haben - ob wir nun individuell wollen oder nicht - müssen wir diese Fähigkeit zwingend und unbedingt dazu nutzen, das Ökosystem, ohne das wir nicht sein können, zu erhalten und zu stabilisieren. Alle bisherigen Hochkulturen sind entweder daran gescheitert, oder gingen in unserer Kultur auf. Es gibt also niemanden, der uns davor bewahren kann, uns auszulöschen, als uns selber.
Übertragen auf komplexe Systeme und damit so gut wie alle aktuellen Grossthemen: Wir müssen sehen, dass wir schneller lernen und diese Erkenntnisse lebensverbessernd umsetzen, als wir unsere Optionen zerstören. Der damit entstehende Druck, es nicht mehr allzu falsch machen zu dürfen, könnte das sein, was mit der Vertreibung aus dem Paradies gemeint war/ist.