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Diese Kurve offenbart das zentrale Corona-Versäumnis
Lockdown zeigt beim Schutz Älterer wenig Wirkung
Elke Bodderas
Jeden Tag mehr Tote. Jeden Tag mehr Neuinfizierte. Von Montag bis Sonntag sind es jede Woche mit einem Auf und Ab nahezu die gleichen Meldungen zum Lockdown-Verlauf. Aber jeden neuen Morgen, so spottet mit schwarzem Humor der Kölner Medizinprofessor Matthias Schrappe, betrete das Berliner Krisenkabinett den Tag mit der frischen Hoffnung, über Nacht hätte ihr Lockdown die Zahlen dezimiert.
Mit neuen Zahlen, Statistiken, mathematischen Analysen haben jetzt Schrappe und sein achtköpfiges Expertenteam die Erfolglosigkeit der Lockdown-Politik bloßgestellt. Die Untersuchung förderte dabei überraschende Neuigkeiten zutage. Die Wichtigste davon betrifft die Betriebsamkeit auf den Friedhöfen: Für alle, die mit dem höchsten Todesrisiko bei einer Infektion leben müssen, hat der harte Lockdown praktisch nichts gebracht.
Die Wissenschaftler machen zur ersten Orientierung auf drei Zahlen aufmerksam: 85 Prozent der Covid-Toten sind älter als 69 Jahre, in deutschen Pflegeeinrichtungen leben etwa 850.000 Senioren. Ob sie die Pandemie überleben und wie sehr sich das Virus auch in den Krankenhäusern verbreitet, sehen die Autoren als entscheidend an. Sie dringen bereits seit Frühjahr darauf, die "verletzlichen Gruppen" ins Zentrum der Pandemiebekämpfung zu rücken.
Wie sehr das Bund und Ländern missglückt ist, sehen sie im Kurvenverlauf der Pandemie von Anfang November bis in den Tagen vor Weihnachten abgebildet. In allen Altersklassen ist eine deutliche Abflachung der Infektionszahlen zu beobachten. Nur nicht in der höchsten Altersgruppe der über 85-Jährigen. Hier rasen die Zahlen ungebremst in einem steilen Peak nach oben, begleitet von der stark steigenden Sterberate, die in der Kalenderwoche 51 auf einem Rekordwert von 88 Prozent ankommt. Während sie im anderen Extrem bei den unter 50-Jährigen zwischen 0,04 und 0,8 Prozent liegt.
"Es ist paradox", sagt Matthias Schrappe. "Hier wird eine mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbundene Lockdown-Politik durchgesetzt, ohne andere Optionen in Betracht zu ziehen oder über einen Strategiewechsel überhaupt nur nachzudenken." Dass niedrige Inzidenzen die Alten schützen könnten, hält Schrappe für "zu kurz gedacht. Diese Menschen können von dem Lockdown gar nicht profitieren, schließlich sind sie sowieso schon eingeschlossen. Einem 80-Jährigen muss man nicht raten, sich nicht 15 Kilometer von seinem Wohnort zu entfernen."
Zu Beginn dieses Jahres 2021 sei daher die Bilanz der Corona-Politik von Bund und Ländern "bedrückend", eine langfristige Strategie sei nicht erkennbar. Das Ziel des erneuten Lockdowns - eine Sieben-Tage-Inzidenz von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner - sei in unerreichbarer Ferne. Stattdessen mache sich momentan ein falscher Eindruck breit: die Impfstoffe änderten alles, man könne sich zurücklehnen nach dem Motto "die Spritze wird es richten".
Die Arbeitsgruppe um Schrappe, früher stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats der Bundesregierung, fährt der deutschen Corona-Politik seit Pandemiebeginn in regelmäßigen Abständen brutal in die Parade. Mit Schutzkonzepten für Risikogruppen und der zentralen Forderung: Alten- und Pflegeheime, aber auch alte Menschen, die allein leben, nicht abzuschotten, sondern durch vermehrtes Testen, speziell geschultes Personal, sowie direkte Ansprache durch die Pandemie zu begleiten. Zu den neun Autoren zählen ehemalige Mitglieder des Sachverständigenrats Gesundheit der Bundesregierung, Medizinprofessoren sowie Fachleute der Krankenkassen.
Mit den jetzt beginnenden Impfungen in den Alten- und Pflegeheimen rechnen die Autoren damit, dass sich die Situation dort entschärft. "Wir werden es Ende Februar, Anfang März mit einer deutlich sinkenden Mortalität zu tun haben", sagt Schrappe. Doch die Infektionszahlen würden voraussichtlich nach wie vor hoch sein. "Ist die Politik dann selbstkritisch und selbst reflektierend genug, dass sie trotz eines weiterhin dynamischen Infektionsgeschehens sagt, 'das Hauptproblem haben wir gelöst, also können wir die Maßnahmen lockern'?"
Bei den Impfungen wünschen sich die Autoren mehr Aufklärung und begleitende Studien. "Wir sehen eine mangelnde Impfbereitschaft beim medizinischen Personal, mit diesen Menschen sollte man sprechen", sagt Mitautor Gerd Glaeske. Glaeske ist Arzneimittelexperte und hat an der Uni Bremen eine Professur für Public Health inne. "Viele Ärzte und Pflegekräfte stellen Fragen zu Nebenwirkungen und Wirksamkeit und wollen vielleicht aus diesem Grund nicht zur ersten Gruppe der Geimpften gehören. Da reicht es nicht, wenn das Robert Koch-Institut darauf verweist, ,das könne man doch nachlesen'". Glaeske will, dass sich "die Menschen bewusst und informiert entscheiden können, für oder gegen die Impfung. Und von diesen informierten Entscheidungen sind wir noch recht weit entfernt", sagt Glaeske.
Vor allem brauche es weitere Hinweise auf die Größenordnung der unerwünschten Nebenwirkungen. "Was man deutlich machen sollte: Es ist ein Schutz für mich selbst, wenn ich mich impfen lassen. Man weiß aber noch nicht genau, ob es auch ein Schutz für die anderen ist", sagt Glaeske.
Außerdem sei es wichtig, den Erfolg der Impfung weiter zu verfolgen. Nebenwirkungen müssten dokumentiert werden. Die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie habe dazu einen guten Vorschlag gemacht, sagt Glaeske: Man sollte die Menschen in den Impfzentren bitten, ihre Krankenversicherungskarte einlesen zu lassen, sodass man im Anschluss an die beiden Spritzen aufgrund der Diagnosedaten der Krankenkassen behandlungsbedürftige Nebenwirkungen analysieren könne: Wie oft müssen Geimpfte ins Krankenhaus? Wann und warum zum Arzt? Doch RKI und Bundesgesundheitsministerium haben abgewinkt: Die Installation der Lesegeräte sei zu aufwendig.
Kritisch blicken die Autoren auch auf die Intensivstationen. Dort sehen sie 6000 weniger Betten frei als angenommen. Die Zahl der Covid-Patienten auf den Intensivstationen sei deutlich angestiegen. Parallel dazu sei "ein absoluter Abfall der Gesamtintensivkapazität" zu beobachten, "der mit den zur Verfügung stehenden Daten nicht erklärbar ist". Als Grund vermuten sie Personalmangel und die nun fehlende Freihaltepauschale, die der Bund den Krankenhäusern noch während der ersten Welle als Entschädigung für vorgehaltene Intensivbetten gezahlt hatte. "Eine nationale und umfassende Anstrengung zur Rekrutierung von genügend Pflegekräften und zum Management der Intensivpflegekapazitäten unterblieb, sodass jetzt über die Triage von Krankenhauspatienten nachgedacht wird", kritisiert das Schrappe-Team.
Elke Bodderas
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