Wenn man in zwei Ländern zu Hause ist, dann fallen einem manchmal Dinge auf, die so nicht unbedingt in den Medien verglichen werden. Hier mal ein paar interessante Unterschiede zwischen Deutschland und Schweden:
Maskenpflicht - DE: ja, teilweise auch draußen - SE: Empfehlung für Stoßzeiten im ÖPNV
Schließungen - DE: weitreichend - SE: Sportbuden, Kirchen, Konzerthäuser... aber keine Läden
Kontaktbegrenzungen - DE: max 1 Person aus fremdem Haushalt - SE: nur Empfehlungen
Versammlungsverbote - DE: ? - SE: max 8 Personen (gilt nicht im Privatbereich)
Bewegungseinschränkungen - DE: 15-km-Regel bei Inzidenz > 200/100k/Woche - SE: nein
Schulen, Hochschulen, Uni... - DE: weitgehend geschlossen - SE: bis 9. Klasse geöffnet, alles darüber im Online-Unterricht
Homeoffice - DE: wenig, Arbeitgeber skeptisch - SE: Wird wie selbstverständlich gemacht, wo es geht, fast alle Besprechungen digital
Stimmung in der Bevölkerung - DE: viele frustriert bis deprimiert - SE: wird schon, wir schaffen das 🙂
Nun könnte man meinen, bei diesen geradezu fahrlässigen Freiheiten würden die Schweden sterben wie die Fliegen. In der ersten Welle schienen die hohen Infektions- und Todeszahlen diese Befürchtung zu bestätigen. Schon damals habe ich versucht, etwas differenzierter nach den wirklichen Problemen zu schauen, statt wie insbesondere die deutsche Presselandschaft die Apokalypse für Schweden zu beschwören.
Die schwedischen Behörden und Politiker waren im Sommer glücklicherweise nicht untätig und haben nun weitgehend genau dort angesetzt, wo die größten Effekte zu erwarten waren: Ausrüstung und Organisation im Pflegebereich wurden eklatant verbessert, dazu die 8-Personen-Grenze für nicht private Versammlungen aller Art. Alleine dadurch, und auch weil wirklich viele von zu Hause arbeiten, konnte in der zweiten Welle erreicht werden, daß die Todesfälle je Einwohner auf dem gleichen Niveau sind wie in Deutschland, trotz fast doppelt so hoher (gemessener) Inzidenz:
https://www.worldometers.info/coronavirus/country/germany
https://www.worldometers.info/coronavirus/country/sweden/
Wobei man bei den Todeszahlen berücksichtigen muß, daß in Schweden immer noch ein paar Fälle für die letzten 3-4 Wochen nachgemeldet werden; man muß also beim Vergleichen einen Zeitpunkt wählen, bevor die Kurve nach unten abbricht.
Meine persönliche Meinung, ohne irgendwie vom Fach zu sein: Wenn jetzt noch beim Einkaufen sowie in Bahnen und Bussen die Mehrheit eine Maske aufziehen würde, dann hätte Schweden sämtliche Maßnahmen ergriffen, die eine deutliche Wirkung zeigen. Demnächst kommt noch eine Begrenzung der Personenzahl in Ladengeschäften hinzu, maximal 1 Besucher je 10 m2 Fläche; auch das kann noch was bringen. Aber all die deutschen abendlichen Ausgangssperren, 15-km-Regeln, Treffen nur mit 1 Person die nicht zum Haushalt gehört, Maskenpflicht unter freiem Himmel, Absperrungen von Naherholungsgebieten, Übernachtungsverbote in Hotels und dergleichen mehr sind wahrscheinlich ziemlich für die Katz und richten mehr Schaden an, als sie nützen. Bringt den Bürochefs lieber mal bei, daß die Mitarbeiter auch produktiv sind, wenn man ihnen einen Laptop in die Hand drückt und sich dann online trifft. An dem Punkt könnte Deutschland noch viel mehr reißen als mit immer absurderen Einschränkungen.
Bevor jetzt der Einwand kommt, Schweden sei ja viel weniger dicht besiedelt als Deutschland, und schon deswegen gebe es weniger Kontakte: Jein. Die Anzahl Einwohner per km2 ist zwar im Durchschnitt wirklich viel geringer, aber dafür ist die Urbanisierung höher als in Deutschland, das heißt: Ein größerer Anteil der Bevölkerung lebt auf engem Raum in Städten. Die Anzahl der Kontakte dürfte sich also für einen Großteil der Bevölkerung auf ähnlichem Niveau befinden.
Ist hier auch jemand dabei, der sich in Norwegen oder Finnland auskennt? Beide Länder sind ja wesentlich besser durch die Pandemie gekommen als der ganze Rest Europas. Beide hatten teils harte Einschränkungen, aber zeitlich und/oder räumlich sehr begrenzt. Es würde mich wirklich interessieren, wie man dort vorgegangen ist, und was andere Länder daraus lernen könnten.
Viele Grüße,
Martin