Es wär ein fataler Fehler, die (im Übrigen weltweiten) Anti-Corona-Maßnahmen unkritisch hinzunehmen. Die Situation Sterbender und ihrer Familien ist hochproblematisch, die Situation an Kitas, Schulen und Hochschulen ist übel, obdachlose Menschen leiden besonders, berufliche Existenzen sind bedroht, der Kulturbereich steht auf der Kippe - die Aufzählung ist noch lange nicht zu Ende. Nur: Es ist davon auszugehen, dass ohne Lockdown die sozialen und ökonomischen Folgen doch noch viel schlimmer wären. Alleine die drohende Überlastung des Gesundheitssystems hätte gravierende Konsequenzen. Die Sterbezahlen sind sowieso schon viel zu hoch.
Durchwursteln? Bitte nicht.
Problematisch ist tatsächlich, dass ich noch von keinem der scharfen Kritiker eine tragfähige Alternative gehört habe. Ich rede nicht von den Leugnern und Verschwörungsideologen, von denen kann man eh keinen sinnvollen Beitrag erwarten. Hörte ich eine überzeugende Variante, ich wäre sofort dabei, denn besonders prickelnd finde ich das Alltagsleben unter Lockdown-Bedingungen nicht. Es gibt keine realistische! Man kann sich lange darüber streiten, ob man den einen oder anderen Bereich früher frei gibt oder ob der Lockdown bis Ostern oder Anfang März dauern muss, aber das sind letztlich Nuancen bei grundsätzlicher Übereinstimmung. Streeck z. B. vermisst zu Recht eine langfristige Perspektive, aber angesichts eines mutierenden Virus ist das leichter geschrieben als getan. Er geht davon aus, dass sich das Virus irgendwann abschwächen und nicht mehr lebensbedrohliche Auswirkungen haben wird - wie die seitherigen Coronaviren auch. Das setzt aber auch voraus, dass wir weltweit eine hohe Impfquote erreichen.
Tief durchatmen, das alles wird dauern. Bis dahin wird es Regeln wie AHA+L und Beschränkungen von Kontakten geben müssen, und wenn sich herausstellen würde, dass die diversen Virusmutationen noch gefährlicher werden, kann man erst recht nicht das "Durchwursteln" ohne einschneidende Maßnahmen favorisieren. Man muss sich eben immer vor Augen halten, zu wessen Lasten ein lockerer Umgang mit der Pandemie geschieht. Also, wagt Euch doch mal aus der Deckung. Was schlagt Ihr vor? Wie soll es weiter gehen? Ich bin gespannt.
fl.