Ich kann Frust und Wut verstehen nach fast zwei Jahren Irrsinn, Angst, Druck und Unsicherheit. Mir geht es nicht anders. Bei den letzten Seiten stößt mein Verständnis an Grenzen und mir schaudert.
Weil ein Mensch die Wirksamkeit von Masken nicht so recht glauben will, muß folglich seine amtliche Befreiung vom der Maskenpflicht auf unrechtmäßigem Wege erfolgt sein. Selbst eine Beteuerung der Rechtmäßigkeit ist nicht genung, ebenso nicht Erwähnung von bereits erfolgten Kontrollen durch Ordnungsorgane, nein, wir kramen Gesetzestexte hervor und wollen es auch bis zum letzten Komma wissen, denn irgendwo muß ein Fehler zu finden sein und wir werden ihn finden und den Unbotmäßigen, den Gefährder, den unsolidarischen Volksschädling überführen und seine kriminelle Seele offenbaren.
Hallo? Zum einen geht uns das einen feuchten Kehricht an, dafür sind staatliche Ordnungsorgane zuständig und nicht Hinz und Kunz, die offensichtlich weder etwas von Unschuldsvermutung gehört haben, noch von zivilisierten Umgang mit Mitmenschen, die nicht ihrer Meinung sind. Spätestens mit der Erwähnung von Astma hätte der letzte die Hände von der Tastatur nehmen sollen oder besser noch, eine Entschuldigung tippen.
Man kann sich mitreißen lassen von der ins vordemokratische abgleitenden Rethorik, die einen von Politik und Medien tagtäglich mit neuen Überbietungen in der Hetze , Verächtlichmachnung und letztlich Entmenschlichung des "Anderen" begegnet. Muß es aber nicht.
Auf den folgenden Seiten lese ich dann fast nichts anderes als gegenseitiges Schulterklopfen für die eigene Vernunft und Selbstlosigkeit und fröhliches Teilen von immer mehr memes in denen ein Teil der Gesellschaft als Esel, Idioten, dumm und beinahe schon gemeingefährlich abgestempelt werden.
Das wird uns in Politik und Medien jeden Tag mit neuen Steigerungen vorgeführt und, so sehr es auch der Seele wohl tut, sich auf der Seite des Guten, Wahren und der Mehrheit zu fühlen:
wenn jeder, der Zweifel an der vorherrschenden Sicht der Dinge äußert, sofort als unvernünftig, unsolidarisch, als wissenschafts- und demokratiefeindlicher Irrer abgestempelt wird;
wenn ein ganzer Teil der Gesellschaft als Gefährder, Volksschädlinginge und dem Wohle der Gemeinschaft im Wege stehendes Hindernis gebrandmarkt wird; spätestens dann dürfte auffallen, daß etwas falsch läuft.
Ich bin mir sicher, daß jeder von uns in einer anderen Debatte solche Entwicklungen als hochgradig gefährlich ansehen würde und einer demokratisch verfassten Gesellschaft unwürdig. Es riecht nach Sündenbock.
Vielleicht noch ein paar weitere kleine Denkanstöße:
Wenn die Bandbreite möglicher Lösungen eines Problems auf ein einziges beschränkt ist und eine Alternativlosigkeit behauptet wird (TINA, there is no alternative), noch dazu die angeführten Begründungen als gesetzt und unhinterfragbar gelten und Einwürfen und Kritik mit ad hominem Attacken oder der Moralkeule begegnet wird, begeben wir uns ins Fahrwasser des Autoritären. So sehr wir uns auch in den letzten Jahrzehnten an Tina gewöhnt haben: ohne Alternativen kann es auch keine demokratische Willensfindung und Aushandlung geben; das Ergebnis ist vorgegeben, eine Zustimmung nur Form und damit eigentlich überflüssig.
"Folge der Wissenschaft". Wissenschaft lebt davon, daß jede Annahme unter Vorbehalt steht, ständig überprüft und hinterfragt werden darf und muß. Wissenschaftler, die den vermeindlichen Konsens hinterfragen, als Spinner, Leugner und, weil außerhalb des "Konsens" stehend, als unwissenschaftlich abzukanzeln, verschiebt Wissenschaft ins Reich des Religiösen (wo unsere "Märkte" schon angekommen sind). Wissenschaft ist die beständige Suche nach all den Sonnen, die sich noch unentdeckt um die Erde drehen.
Die "Pandemie der Ungeimpften" bezweifelt wohl selbst Herr Drosten... Auch ohne Herrn Drosten könnte man sich mit Blick auf z.B. Gibraltar fragen, ob alles wirklich so klar und eindeutig ist, wie wir glauben wollen.
Käme sie denn, die Läuterung all der Verweigerer und störrischen Neinsager und sie strömten alle zum Impfzentrum: für mindestens anderthalb Monate wären diese Menschen einem weit erhöhten Ansteckungs- und Erkrankungsrisiko ausgesetzt. Mitten in einer "Hochinzidenzphase" könnte das auch nach hinten losgehen.
Vielleicht hilft es auch, sich die gesetzlichen Regelungen für medizinische Eingriffe in Erinnerung zu rufen, die sich in Deutschland nach unguten Erfahrungen herausgebildet haben.
So gilt jeder noch so kleine medizinische Eingriff (selbst Blutabnehmen) als Körperverletzung. Um einen solchen Eingriff rechtssicher vornehmen zu können, bedarf es einer Einwilligung des Behandelten. Diese muß nach vollständiger Aufklärung der Wirkungen und Risiken erfolgen und zwar selbstbestimmt und ausdrücklich ohne Zwang, Druck, Täuschung oder Drohung.
Mit sonnigen Grüßen,
Fabian