Weil reflexartig dann, wenn man Russland oder andere Totalitäre Staaten kritisiert, die Anmerkung kommt, die USA seien eben auch nicht das demokratische Leuchtfeuer. So, als wäre es unangebracht, die Antidemokraten zu kritisieren, solange, bis aber auch alles, was sich demokratisch nennen dürfen will, zu 120% demokratisch ist und das lückenlos über die letzten mindestens neun Jahrzente bewiesen hat, was auch alles immer passiert sein möchte.
Ein rhetorischer Kniff, den alle kennen und mit Wonne anwenden, die gegen Gutes sind, und sich genau deshalb daran ergötzen, dass dies gute eigentlich nie ohne Fehl ist.
Mit genau dem Kniff macht man e-Autos schlecht. Weil sie eben auch Nachteile haben, auch nicht perfekt sind. Sie brauchen Lithium aus der Südamerikanischen Wüste. Batterien müssen gegossen werden, und dann lädt man die auch noch mit Kohlestrom. Nein, das kann einfach nicht gut genug sein. Jedenfalls nicht so gut, dass man die Verbrenner nicht weiter produzieren und nutzen sollte, auch wenn die alles noch ne ganze Ecke schlechter machen. Das aber muss man ja nicht hervorheben.
Putin ist schlecht.
Aber wer sind wir Europäer denn, ihm das vorzuwerfen? Hatten wir nicht bis vor hundert Jahren Kolonien? Gabs da nicht auch den Holocaust? Haben wir den Türken nicht den Genozid an den Armeniern durchgehen lassen? Haben die Amis nicht Trump gewählt? Wer hätte da noch einen Rest an Galubwürdigkeit, Putin oder den obersten Chinesen zu kritisieren! Nein, wir sind selber nicht perfekt. Steht uns gar nicht zu, die bösen dieser Welt zu kritisieren. Wir sind ja selber nicht nur gut. Nein, wir halten mal besser den Ball flach.
Der Punkt ist: Trump WAR US-Präsi. Er ist es nicht mehr. Er wurde Abgewählt. Mittels soviel Demokratie, wie Putin Russland seiner Lebtag' nicht gestatten wird.
Der Punkt ist, man HATTE Kolonien. Das ist ein Jahrhundert her, und selbst in F seit einem halben Jahrhundert Geschichte.
Der Punkt ist, Deutschland verbietet anderen Staaten nicht den Mund, wenn der Holocaust zur Sprache kommt. Der ist passiert und wird nicht durch schweigen ungeschehen. Man nimmt das auch nicht zum Anlass, andere in ihren Verbrechen milde anzusehen, sondern als Auftrag der Geschichte, fortan für Recht und gegen Unrecht einzutreten.
Das tut Putin nicht. Er sieht sich im Gegenteil als lupenreinen Demokraten, hat er doch die im Donbas und auf der Krim (gut, da Stand Kriegsgerät rum, aber macht ja nichts) gefragt, ob sie russisch sein wollen oder nicht. Und jeder, der ihn als bösen Buben sieht, der er ist, ist ein Agressor. Auch wenn Putin der ist, der >100'000Mann Truppen samt schwerstem Gerät in Stellung brachte. Er ist aber ja auf keinen Fall der Agressor.
Nein. Wenn man ihn fragt, dann sind die Demokratien die Agressoren, die sich streiten, wie man darauf reagieren sollte.
Aber wer hätte auch die Autorität, ihn eines besseren zu belehren. Wer unschuldig ist, werfe den ersten Stein, und das ist sicher nicht Europa. Seis auch nur, weil Putin schlicht lauter schreit, er sei der Gute!
Eins ist nämlich sicher: Putin kennt unsereins Perfektionsskrupel garantiert nicht.
Darf man sich denn wirklich und tatsächlich nicht mehr hinstellen und einfach mal sagen, was man gut gemacht hat, auch wenn nicht erst gut ist, was perfekt ist, sondern es reichen muss, anderen was voraus zu haben? Ohne den Hinweis, man sei eben leider ja doch nicht perfekt?