Weil sich niemand die Mühe macht, genau hinzusehen. Es wird immer nur die Gesamtrechnung der Anzahl Gestorbener und Anzahl Infektionen betrachtet, mit etwas Glück noch die tatsächliche Übersterblichkeit im Vergleich zu den letzten Vor-Covid-Jahren herangezogen.
Der "Spiegel", den ich sehr schätze und auch ein Online-Abo bezahle, bläst leider meistens ins gleiche Horn vom "bösen, gefährlichen Schweden" (etwas überspitzt). Daher nochmal meine Gedanken dazu, die ich auch unter dem Artikel als Kommentar hinterlassen habe:
Das Problem ist, daß meistens nur ein direkter Zusammenhang mit den Maßnahmen zum Schutz der allgemeinen Bevölkerung und der Übersterblichkeit betrachtet wird. Der ist zweifellos vorhanden. Im Fall von Schweden muß man allerdings schon genauer hinschauen, weshalb und vor allem wann die meisten Menschen an Covid-19 gestorben sind: Richtig schlimm war es vor allem in den ersten Wochen der Pandemie. Ursache hauptsächlich die mangelnde Kompetenz und Ausrüstung im Pflegebereich. Da wurde das Personal trotz eindeutiger Symptome zur Arbeit geschickt und versorgte in der Woche je 30-50 Menschen in Hochrisikogruppen. In den folgenden Wellen starben in Schweden weniger Menschen/Einwohner als z.B. in Deutschland, trotz weniger, aber dafür sinnvoller Maßnahmen.
Mein persönliches Fazit bisher: Am schwedischen Weg war ziemlich viel richtig, wobei am Anfang ziemlich große Fehler gemacht wurden. Danach gab es wenige, aber sinnvolle Maßnahmen. Und jetzt sind wir scheinbar "durch" mit Covid. Gruß aus Schweden.
Und noch ergänzend: Hier ist das Leben seit Monaten völlig uneingeschränkt, Masken werden nur in EInzelfällen getragen, Kinder gehen sowieso in die Schule, Homeoffice macht man, weil man es kann und nicht weil man es muß. Zu alledem sind die Inzidenzen und die Zahlen der Intensivpatienten im Keller, und bleiben es hoffentlich auch.
Viele Grüße,
Martin