Die Studie selbst ist ein wichtiger Debattenbeitrag, auch oder gerade weil sie nicht unbedingt eine Mehrheitsmeinung der Wissenschaftler darstellt, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Sie legt den Finger auf ein paar krasse Wunden und Fehler, die gemacht wurden, beschränkt sich aber leider auf das Jahr 2020 und gibt sogar selbst zu, daß es sich nicht um eine rein faktenbasierte Evaluierung handelt:
"In this report, we try to understand why, using a narrative approach to evaluate the Swedish COVID-19 policy and the role of scientific evidence and integrity." Das ist eine akademische Umschreibung für qualifiziertes Kaffeesatzlesen 🙂 Nicht verwerflich, aber man sollte die Schlußfolgerungen daraus nicht überbewerten, oder zumindest nicht als einzig mögliche Deutung akzeptieren.
Der Spiegel nimmt die Studie natürlich freudig auf, weil sie die in der Redaktion vorherrschende Meinung über den schwedischen Umgang mit Corona teilt, und bereitet den Inhalt noch etwas bedrohlicher auf für die eigene Leserschaft, auf daß diese sich ebenso bestätigt fühle.
Leider waren es nicht nur unglückliche Zufälle, sondern vor allem die Folgen von Kosteneinsparungen (zu wenig Personal und Ausrüstung) und geballter Inkompetenz (Personal auch mit Symptompen arbeiten lassen). Mit den Konsequenzen hast Du allerdings Recht: Die große Übersterblichkeit fand in Schweden fast ausschließlich in den ersten Wochen der Pandemie statt, und im Bereich der Altenpflege.
Dank dieser genialen Karte in der Mopo
https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/
kann man nun sogar sehen, daß die große Übersterblichkeit räumlich so ziemlich auf die Region Stockholm begrenzt ist, die auch als erste von Covid-19 getroffen wurde, als die Fehler in der Versorgung noch nicht korrigiert waren. Wenn man sich die Zahlen der Todesopfer in den anderen Regionen anschaut, dann liegen sie - auch in dicht besiedelten Bereichen - durchweg auf ähnlichem Niveau wie im deutschen Gesamtdurchschnitt, und niedriger als in einigen deutschen Bundesländern, die durch besonders strenge Maßnahmen geglänzt haben.
Daher fühle ich mich in meinem eigenen "narrative approach" bekräftigt, daß der Maßnahmenzirkus in Deutschland und vielen anderen Ländern arg übertrieben wurde, während in Schweden nach anfänglicher Irrlichterei größtenteils an den richtigen Stellen angesetzt wurde.
Bei Long Covid leider nicht. Ich weiß nicht, wie es bei Euch damit aussieht, aber hier ist das ein ernstes Problem. Zahlen sind leider nicht so leicht verfügbar und vergleichbar wie bei den Inzidenzen und Todesfällen. Die für Gesundheit verantwortlichen Regionalverwaltungen bauen gerade eigens Kapazitäten für Long-Covid-Behandlung auf. Der Bedarf ist scheinbar so groß, daß die Regionen auch angekündigt haben, in den nächsten Jahren den öffentlichen Nahverkehr kürzen zu müssen, weil sie dafür aufgrund der Long-Covid-Investitionen erstmal kein Geld mehr haben. Könnte allerdings auch eine politische Nebelkerze sein 🙂