Ich war gestern Abend beruflich auf einer Veranstaltung und habe durch Zufall Kunden von mir getroffen. Beide stammen aus der Ukraine, er kommt aus der Mitte der Ukraine, aus einem sehr kleinen Dorf. Sie ist in einer größeren Stadt in Donezkbecken aufgewachsen und "gehörte" zur russischen Bevölkerungsgruppe in der Ukraine. Das Gespräch war sehr bedrückend und ging ziemlich an die Nieren. Noch heute, eine Nacht später.
Ihre Familie lebte bis Februar im Donezk-Gebiet, spricht russisch und fühlt sich zunehmend als Ukrainer - das hat sich seit 2014 massiv verstärkt. Vorher war es komplett egal, Menschen lebten neben und mit Menschen und das war es. Nur ihr Vater kommt mit der Situation nicht klar - selbst jetzt, geflohen vor dem Krieg nach Deutschland, wiederholt er immerzu die Propaganda des russischen Fernsehens und hat sich mittlerweile mit allen anderen Familienmitgliedern zerstritten. Selbst zu seinem vor wenigen Jahren gestorbenem Vater gab es zu dem Thema Russland (Putin) nichts zu sagen - der Vater hatte den zweiten Weltkrieg erlebt und die "Säuberungen" Stalins überlebt - ihr Vater die Erziehung der Sowjetzeit genossen.
Direkt zu beginn des Krieges ist ein Teil der Familie sofort geflohen und in einer Ferienwohnung der Beiden im westlichen Teil der Ukraine untergekommen. Dort leben 13 Personen seitdem auf engstem Raum, zwischenzeitlich werden andere Flüchtlinge für kurze Zeit mit aufgenommen. Mittlerweile auch Menschen, die zurück in die Ukraine kommen. Das Dorf, aus dem der Hauptteil der Familie geflohen ist, existiert nicht mehr. Es ist komplett zerstört, die Menschen sind geflohen oder getötet worden.
Beide erzählten mir sehr emotional, wie verzweifelt sie sind. Er, der immer recht hart und massiv auftritt, entzog sich unserem Gespräch diverse Male und kam nach einiger Zeit zurück. Zum Schluss sagte er mir, dass er überlegt hätte in die Ukraine zu gehen und sich der Armee anzuschließen. Letztendlich würde es aber mehr bringen, wenn er Geld zur Unterstützung verdienen würde.
Ein Cousin von ihr lebt ebenso in dem besetzten Teil der Ukraine und hat Ende letzter Woche den Einberufungsbefehl der russischen Armee bekommen - er, der sich als Ukrainer versteht, soll jetzt gegen Menschen kämpfen, denen er sich Nahe fühlt und das für ein Land, dessen Politik er ablehnt und dessen Pass er vor kurzem aufgezwungen bekommen hat.
Beide berichteten mir, dass es in den letzten Jahren nach wie vor sehr gute Kontakte zwischen den Menschen in der Ukraine, den besetzten Gebieten der Ukraine und den Menschen auf der russischen Seite gegeben hätte. Er schilderte mir Situationen in diesem Gebiet, wo russische oder ukrainische Befehle zum Beschuss des jeweiligen anderen Gebietes durch Absprachen vor Ort unterlaufen wurden. "Wenn es nicht anders ging, hat man sich zusammen eine Scheune ausgesucht und der Angriff wurde als erfolgreich nach oben gemeldet".
In den letzten Jahren hat sich in der Ukraine sehr viel im Kleinen verändert - Korruption ist ein großes Problem, wird mittlerweile aber auch als Problem erkannt. "Was sollst du machen? Wenn er 5% vom Auftrag haben will, dann zahle ich es und habe meine Ruhe". Da ging es um eine Genehmigung für einen Ladenausbau in Kiew. "Aber Scheiße ist es" - vor Jahren war es so und fertig; das "aber Scheiße ist es" wurde noch nicht einmal gedacht.
Viele Ukrainer würden im Ausland arbeiten und Geld aber auch vor allem "europäisches Denken" in die Gesellschaft tragen. Das verändert das Land Stück für Stück im Kleinen. Vieles entstand durch Eigeninitiative; das Dorf seiner Mutter hatte keine Kanalisation und befestigte Straße. Er hat in den letzten 10 Jahren den Ausbau geplant und bezahlt (ja, das Geld muss man auch erst einmal übrig haben...). So gibt es einige Projekte und Entwicklungen, die den Menschen eine Perspektive, eine mögliche Zukunft gezeigt hätten. Vor 15 Jahren wollten alle nur raus aus dem Land, jetzt (vor dem Krieg) wollen viele junge Menschen im Land bleiben und etwas erreichen, es verändern.
Im Gespräch kam auch immer wieder der Stolz auf die Ukraine zum Ausdruck. Damit kann ich sehr wenig anfangen, als Anarchist ist mit der Stolz auf einen Staat komplett fremd. Interessant fand ich, dass (bei den Beiden!) der Stolz auf die Ukraine eine andere Richtung, als es häufig aus der faschistischen oder rechten Ecke hier in Deutschland hat: es war nicht dieses Dumpfe "weil wir besser sind", es hat mich eher an meine Liebe zu Frankreich erinnert, wo ich die ersten 7 Jahre meines Lebens verbracht habe: der Geruch nach Kiefern, Sand und Sonne erzeugt ein Gefühl zu Hause zu sein. Irreal und doch sehr stark.
Die Zukunft sehen Beide sehr dunkel: das Land wird zerstört. Putin will das komplette Land kontrollieren und eine Verbindung nach Moldau schaffen um dort die russische Minderheit "beschützen zu können". Entweder die Ukraine komplett besetzen (der Plan ist wohl ad acta) oder zumindest vom Meer und den Häfen trennen und so weit schwächen, dass es keine eigenständige Perspektive hat. Jedes Zugeständnis wird Putin nutzen, um in ein paar Jahren da weiter zu machen, wo er jetzt aufhören müsste. Daher gibt es keine andere Wahl, als sich zu wehren und die russische Armee aus dem Land zu treiben - sich zu unterwerfen ist nicht realistisch, da sich die Ukrainer in den letzten Jahren weiter in Richtung Europa bewegt hätten und kaum einer wieder unter dieser Unterdrückung leben möchte. Auch gab es eine sehr heftige Kritik an den wenigen Russen, die reisen dürfen: "sie wollen nur ihren Reichtum ausleben, keine Moral, keine Fragen, wo das Geld herkommt". Hauptsache Luxus - Hedonismus pur. Allerdings werden die kleinen Widerstände zur Kenntnis genommen und erzählt, verknüpft mit der Hoffnung auf ein Wunder und es Bewegt sich doch etwas in dem Zirkel um Macht und Reichtum.
Ich neige nicht so sehr zum Pazifismus, wie ein paar der Mitschreiber hier (meine Achtung habt ihr uneingeschränkt) deutlich zum Ausdruck bringen (ich meine allerdings auch nicht die paar Arschkriecher, die für jeden Vorteil alles und jeden verraten würden). Daher verstehe ich diesen Punkt recht gut, warum viele Ukrainer im sich wehren, die einzige Möglichkeit sehen. Trotz des immensen Preises, den dieses sich wehren fordert.
In der Theorie (!) würde ich auch nur bis zu einem gewissen Grad Unterdrückung ertragen wollen und mich fragen, ob das Leben an sich für mich einen absoluten Wert hat, der über allem anderen steht.
Meine Antwort ist eindeutig: Nein, mein Leben ist schön und einmalig - aber nicht um jeden Preis.
Grüße Ralph