In der Praxis ist aber auch nicht so wichtig, ob da 10Nm mehr oder weniger eingestellt sind.
Selbst das Messwerkzeug Drehmomentschlüssel hat eine Genauigkeit von +-3% oder +-4%, und das muss man vom einstellbaren Maximalwert berechnen, und setzt voraus, dass das Werkzeug in tadellosem Zustand ist, was nicht der Fall ist, wenn es verschlissen ist oder mal nicht entspannt wurde nach Gebrauch.
Die gängigen Drehmomentschlüssel, die auf den Bereich angewandt werden, wo auch die Radmuttern oder Radbolzen liegen, gehen bis 210 oder 220Nm. 3% sind dann 6.6Nm, je nach oben oder unten, und vermutlich wird der Fehler im unteren Drittel des Arbeitsbereichs eher grösser.
Von Anwendungsfehlern ist dann noch nicht gesprochen.
Von Schlagschraubern, die schlecht oder gar nicht geschmiert werden, Luftdruckschwankungen oder dergleichen ist dann auch noch nicht geredet. Ganz davon ab, dass das keine Messwerkzeuge sind, und man einem solchen, reinen Werkzeug daher noch viel weniger trauen kann, als einem nicht oder vor langer Zeit letztmals kalibrierten Drehmomentschlüssel.
Ich wechsle Räder selber, und gehe dabei jedesmal mit dem Drehmomentschlüssel ums Auto.
Nachziehen musste ich noch nie, das hat immer sonst gehalten. Dass einzelne Radmuttern dann beim nächsten Radwechsel merklich lockerer sassen, hab ich mehrmals erlebt, aber nie so locker, dass ich die auch nur annähernd von Hand hätte lösen können, und auch nie so, dass es Geräusche gegeben hätte. Bei der Montage auf zumindest optisch saubere Gewinde zu achten, ist bei mir selbstverständlich. Sonst kann das ja nicht zuverlässig halten.
Da selbst mein billigst-12V-Schlagschrauber mehr als die geforderten 110 - 130Nm schafft, wenn man ein paar Schläge abwartet (6 Schläge pro Mutter zum Anziehen haben noch immer gereicht, dass der Drehmomentschlüssel, auf 120Nm eingestellt, jeweils auslöste, ohne dass sich die Teile nochmal drehten, halte ich es für unwahrscheinlich, dass die losen Muttern jemals korrekt festgezogen waren.
Man kann anderes nicht ausschliessen, aber ich würde grundsätzlich davon ausgehen, dass die betroffenen Muttern wohl zu flüchtig festgezogen wurden, oder erst, nachdem das Rad unter Last stand, oder in der falschen Reihenfolge, also nicht über Kreuz, so dass sich das Rad in dem Moment verspannte. Möglicherweise war in dem Moment auch der Kompressor relativ leer, oder es wurde an einem anderen Arbeitsplatz zeitgleich ein Reifen befüllt, so dass die Zuleitung nicht den Solldruck erreichte... wer weiss das schon. Oder es wurde die Prüfung mit dem Drehmomentschlüssel unterlassen, oder der löste bei massiv weniger als dem eingestellten Wert aus. Ich erinnere dunkel, dass es zu so einem Vorfall auch schon mal ein Thema gegeben hat.
Wenn Sabotage im Raume steht, dann wäre ich aber vorsichtig mit Verdächtigungen an die Adresse der Werkstatt. Da würde man dann besser erstmal Fingerabdrücke abnehmen lassen, ehe man auch nur irgendwas anfasst, und die Ermittlungen der Polizei überlassen. Die werden dafür eine Anzeige haben wollen. Die kann man gegen unbekannt stellen, und den möglichen Saboteur als verdächtigen nennen, damit die Polizei weiss, wo sie nach Vergleichsfingerabdrücken suchen könnte.