Im Hintergrund lief gerade bei mir die Diskussion "Schluss mit Schussstrich?!" auf Phoenix. Da war der Holocaust und Antisemitismus Thema, aber auch mit Seitenblick auf die deutsche/europäische Wahrnehmung des Ukrainekrieges.
Der Gedanke, der mir dabei kam, und den ich hier einwerfen möchte, ist der, dass Kriege und deren Darstellung, sowie auch der Holocaust teilweise, nach den Regeln des Mobbing funktionieren, die erst in der jüngeren Vergangenheit überhaupt zu verstehen versucht werden.
Grunderkenntnis dabei: Die Opfer vergessen nicht. Sie verzeihen vielleicht, sie verstehen das Erlebte vielleicht, aber sie vergessen nicht; wohingegen Täter verdrängen, und das meist sehr erfolgreich. Sie verdrängen, deuten um, sind, auch und erst recht Jahre oder Jahrzehnte später, nicht in der Lage, die Situation aus Perspektive der Opfer zu betrachten. Sie bleiben oft in ihrer Sicht der Dinge gefangen, oder haben überhaupt keinen Zugang mehr zu ihren Taten, weil derart erfolgreich verdrängt.
Was man dagegen tun kann, kann ich auch nicht sagen.
Vielleicht hilft es aber, bereits von Anfang an den Fokus nicht auf die Sicht der Täter zu richten. Die sind, nur schon weil sie für sich selbst ihre Taten rechtfertigen müssen, damit sie nicht unter eigener Verderbtheit zu sehr leiden, oft mehr als präsent genug.
Eigentlich muss das Recht auf Seiten der Opfer stehen, zumal hier Russland klar Völkerrecht brach. Dass man versucht, denen, die die Russische, die Täterperspektive vertreten, die eigenen Widersprüche dieser Propaganda vor Augen zu führen, ist sicher gut. Es ist in meinen Augen sehr wohl ein hehres Ziel.
Eigentlich sinnvoller wäre es jedoch, sich bewusst auf die Seite des Völkerrechts und der widerrechtlich angegriffenen Ukeraine und der Menschen dort zu stellen. Einerseits um der lauten Russenpropaganda einen rauhen, und wenn möglich lauteren, stetigeren Wind entgegen zu setzen, und andererseits, damit es den Tätern, hier den Russen, schwer gemacht wird, das von ihnen begangene und dann umgedeutete, verdrängte oder schlicht und Faktenwidrig negierte Unrecht zu verdrängen oder kleinzureden, etwa indem es relativiert wird mit dem, was die Ukrainer in Verteidigung ihres Staates und ihrer wie der europäischen Freiheit getan haben (sollen, denn es sollte nie ausser Acht bleiben, dass die Russen da Partei sind!).
Widerspruch aufzudecken dient diesem Ziel, und deshalb hat @magoo hier ein herzliches Dankeschön redlich verdient. Seis auch nur für seine Geduld und Beharrlichkeit mit bekanntermassen Unbelehrbaren Propagandafröschen.
Vielleicht können wir dann aber auch mal wieder die Perspektive auf das Geschehen richten, wie es die Ukraine trifft, und etwas weg von der russischen Propaganda.
An die Adresse derer, die hier Russlands Perspektive vertreten, sei, nach dem Gesagten und noch soviel versichert. Die Welt wird Jahrhunderte oder Jahrtausende lang nicht vergessen, wie sich Russland gerade unmöglich macht. Genauso, wie man die Untaten der Sowjets auch fast ein Jahrhundert nach Beginn des 2. Weltkriegs, und mehr als ein halbes Jahrhundert nach Stalins Tod, nicht vergessen hat. Nicht im Westen, dem nichts als Aufrüstung blieb, und noch viel weniger im Osten, wo man auch deshalb weiss, was man an NATO und EU hat; wo man Sowjetpanzer gegen einfache Demos für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen nicht vergessen hat. Wo man die Rosinenbomber in wesentlich positiver Erinnerung hat, als die Stasi, oder den durch und durch verlogenen Niemand, der die Mauer bauen wollte.
Wie beim Mobbing: Die Opfer wissen noch, was ihnen die Täter antaten, lange nachdem diese der selbstgewählten, egoistisch-selektiven Demenz anheim gefallen sind, oder gar schon vermodern.