Der Chefdesigner Bent Larsen der dänischen Firma Bang&Olufson floh Anfang der 80-er aus seinem sterilen Hochhausbüro in Kopenhagen in das lärmende studentische Alternativviertel „Christiana“.
Ein abscheulicher Kummer hatte sich über ihn gelegt. Hifi lockte die Massen nicht mehr, wenn die Verkaufszahlen weiter so sanken, würde die Firma Pleite gehen.
Er hatte sich einen Dreitagebart wachsen lassen, sich in ein altes Cordjackett übergestreift und wirkte schon nicht mehr ganz so deplaziert, wie er es in seinem Bürooutfit getan hätte. Er stellte fest, ausschließlich alle um ihn herum schienen ihm 20-25 Jahre alt, also gut 10 Jahre jünger als er.
Es musste vermieden werden, dass ihn außer der Bedienung jemand ansprach. Nach diesem wichtigsten Kriterium suchte er seinen Platz, legte eine mitgenommene alte Architektenzeitschrift auf den kleinen runden Beistelltisch. Es war laut, aber nicht dröhnend vom Stimmengewirr der jungen Leute, etwas zwischen Autobahnrauschen und Vogelgezwitscher.
Bent Larsen wollte das so, er hatte die Location Wochen vorher inspiziert. Wenn er es in diesem akkustischen Gewirr schaffte abzuschalten, dann könnte vielleicht eine neue, eine rettende Idee kommen.
Sich gehen lassen, das entsprach nicht seiner Art, aber es mussten Opfer gebracht werden. Zur Überwindung seines eigenen Charakters hatte er sich das alles minuziös vorbereitet. Selbstredend auch das, was er bestellen würde: einen schwarzen Kaffee mit Zucker für Wachheit, Hellsichtigkeit und Kombinationsgabe mit einem Brandy für Ideen und Verknüpfungen.
Eigentlich hatte Larsen die komplette Lösung schon nach vier Stunden und der fünften Bestellung.
Er blieb noch eine weitere und trank noch zwei Gedecke, nicht aus Euphorie, sondern seiner zurückhaltenden Art gemäß allein zur Kontrolle seines Konzepts.
Wenn den Kunden das Hören nicht mehr soviel gibt, dann müssen wir sie übers Sehen zurückgewinnen.
Den Gedanken ließ er sacken. Als Kontrast zu dem Gebrauchtmöbeltohuwabohu um ihn herum, das ihn anwiderte, sehnte er sich bereits nach einer knappen Stunde, und noch während er auf seine zweite Bestellung wartete, nach einer großen Einheitlichkeit. In den Schlieren einer Dopewolke vom Nebentisch erschienen ihm Wüste und Pyramiden.
Dass es noch weiterer vier Kaffees und Brandys bedurfte – er trank selten und wenn dann wenig – bis er die Lösung endlich hatte, lag zum einen daran, dass ihm der erste Teil der Lösung so schnell zugeflogen war, und dass ihm jede Erfahrung im Versacken fehlte.
Eureka! Dann hatte er es! Die Grabkammern! - Wie komme ich dahin? So wie 007 in einem Bond Film der 60-er. Wie James mit seinen Finger einer feinen Fuge an der Seitenwand eines riesigen Bücherregal nachspürte, den unsichtbaren, eingefügten Knop fand, drückte und eine Geheimwand sich öffnete.
Geräte ohne Knöpfe, die Käufer locken mit glatten Flächen, den Nutzer zum Geheimagenten aufsteigen lassen, Analog zu Gourmetkochen - "das Auge hört mit". Hifi läuft nur nebenbei – es ist sogar noch geiler als „du hörst, was du siehst“, sondern jetzt in einem nur scheinbar bekannten, in Wirklichkeit geläutertem Sinne: „Du hörst, was du nicht siehst.“
Es ist bekannt wie die Geschichte ausging. Du verdienst, was du designst. Bang&Olufsen konnten den Preis gegenüber der Konkurrenz um ein vielfaches erhöhen. Piëch von VW hat das beim „Phaeton“ auf eine nie dagewesene Höhe getrieben, es folgten die i-phones.
Der Spalt verschwand. Der Weltgeist verfügte die Fuge und die sei so fein, dass du sie weder sehen noch fühlen kannst. Eindringen konntest du in diese imaginären Linien nur, wenn du über Geheimwissen verfügtest.
Bent Larsen verdanke ich eine Nahparadieserfahrung. Ähnlich dem Nahtod, also wenn man nochmal von der Schippe springt, und zurückkehrt ins Leben – ähnlicher Ablauf, nur viel angenehmer. Das Beste daran: dieser Apfelbaum mit diesem einen „verbotenen Frucht“ fehlt – ich habe das nicht vermisst. Also ich stand in einem Paradies, das diesen Namen auch verdient, vielleicht als erster Mensch überhaupt. Obwohl es nur eine Minute währte, so hätte mich der Druck dieses überragenden Ereignisses sicher in Stücke zerrissen, wenn ich nicht den Luftfilterkasten in Händen gehalten hätte – meine stählerne Unterwasserglocke.
Manche werden sich wundern, wieso jemand soviel Tarar bläst, um einen Kasten, der sich einfach herausziehen lässt, nachdem der Deckel entfernt wurde.
Nun, das ist rasch erklärt, und wird jeder einsehen durch zwei von meinen persönliche Erfahrungen:
die mit Automechanikern zum ersten und zum zweiten die mit Gurkengläsern.
Hätte ich Schrauberinnen von meinen Schwierigkeiten berichten können, dann wäre die Lösung nach wenigen Sätzen gefunden worden. Aber ich fragte nach bei Schraubern und die handicapt ihre ausgeprägte toxische Männlichkeit, will sagen, sie schmoren im eigenen Saft. Du kannst denen noch nicht einmal die einfachsten räumlichen Zuordnungen wie links und rechts, oben und unten erklären. Geschweige denn das Aussehen von Dingen etwa durch Form, Größe oder Farbe beschreiben. Leider sind sie taub - dass sie zu den Tauben gehören, die gerne und viel reden hilft in dem Fall nicht.
Es gereicht mir zur außerordentlichen Ehre hier die erstmalige, allein richtige Anleitung zum Entfernen des Luftfilterkasten eines XM mitzuteilen.
Nachdem der Deckel und der Filter entfernt wurden, kann der Luftfilterkasten eines XM nur oben (!) gelockert werden. Aufgrund der Eliminierung des Spaltes durch den dänischen Designer Bent Larsen kann die obere Begrenzung des Kastens weder erkannt noch erspürt werden. Als Orientierung behelfen wir uns mit LHM-Faß. Falls die Entankerung im oberen Bereich gelingt, ergibt sich die weitere Herauslösung des Kastens unten am Rohr mit dem blockierenden Draht selbsterklärend..
Durch chemische Prozesse können sich im Laufe von Jahrzehnten enorm haftbeständige Verklebungen bilden. Diese müssen durch Vibration oder Kälte- und Hitzeschocks gelöst werden. Den Vorgang nenne ich das Gurkenglasphänomen, in Andenken der wenigen Einmachgläser, die sich nicht öffnen ließen.