Die Atombehörde ist wer? - Ich sags Dir. Es ist die IAEA.
Die hat vor allem Sorge um Saporischja (So heisst das AKW, um das es da hauptsächlich geht), weil da Krieg ist und die Russen immer wieder die Stomversorgung des AKW kappen. Dann laufen die Kühlpumpen mit Dieselstrom und der Nachschub an Diesel ist, wenn drum herum geschossen wird, schlicht nicht zu garantieren. Zudem ist das AKW regelmässig unter Beschuss.
In so einer Situation würde sich die IAEA auch um JEDES westliche AKW sorgen machen.
Wenn man sieht, welche Fehler sich die Atomindustrie in der Vergangenheit erlaubt hat, völlig zu recht. Die denken da wie ein Autofahrer: TÜV abgelaufen? Egal. Kost nicht so viel, wie die technische Ertüchtigung für ne neue Plakette (i.e. Abnahme), und die Mängel nennt mir der TÜV dann schon mit dem Prüfbericht. Mit so einer Grundeinstellung darf man kein AKW betreiben.
Man muss da noch was ergänzen: Windscale/Sellafield sind mehrere Reaktoren unterschiedlicher Bauart und verschiedenen Alters. Gebrannt hat ein militärisch genutzter Reaktor, der nach heutigen Masstäben einigermassen hirnlos konstruiert war. Das war einer von 2 baugleichen Reaktoren, die gebaut waren, wie alle sehr frühen Atomreaktoren in den USA auch. Das waren im wesentlichen gigantische Graphitblöcke in die Kanäle mit Brennelementen eingelassen waren. Graphit ist im Prinzip hochreine Kohle, die wie wir wissen, ein vorzüglich brennbares Material ist. Gekühlt wurde der Kohlehaufen (der Begriff Meiler kommt aus der Zeit, und in Englisch wurde so ein Reaktor als "Pile" also Stapel oder Haufen bezeichnet. Sehr passend, warens doch im wesentlichen gestapelte Graphitblöcke.) mit gigantischen Mengen Frischluft, zugeführt über Haushohe Ventilatoren. Hinter dem Haufen (Reaktor) gab es ein Wasserbecken, in das die Brennelemente fielen, wenn sie von vorn nach hinten ausgestossen wurden, und es gab die riesengrossen Abluftkamine, die man inzwischen, weil Mahnmal für den Super-GAU, abgerissen hat.
Man hatte bei dem Super-GAU noch Glück. Einer der Projektverantwortlichen, Cockcroft glaub ich hiess er, setzte gegen grosse Widerstände durch, dass man oben auf die Abluftkamine grosse Filter setzte, weil ihm nicht wohl war bei dem Gedanken, eine der Brennmatieralkartuschen könnte undicht werden, und man könnte dann nichts dagegen tun, Uran, Plutonium und andere radioaktive Substanzen mit Vollgas in die Atmosphäre blasen zu müssen, weil man ja nicht anders kann, als den Reaktor weiter mit tausenden Kubikmetern Kühlluft pro Sekunde zu kühlen. Er wurde verspottet und belächelt, und man nannte die Filter "Cockcrofts Follies" (Cockcrofts Verrücktheiten), nicht wissend, dass genau die nur wenige Jahre später Grossbritannien den Allerwertesten retten würden. Nur die, mehr oder weniger, abgesehen von jeder Menge Löschwasser.
Hintergrund des Reaktorunglücks war, dass das "Ausheizen" der sogenannten Wiggener-Energie schief ging. Das zeigt, wie wenig man die sogenannt kontrollierte Kettenreaktion wirklich kontrollieren kann. Es ist immer ein Tanz auf dem aktiven Vulkan, buchstäblich, denn eine Kernschmelze ist durchaus in etwa so beherrschbar wie flüssige, glühende Lava. Nur noch dazu unglaublich radioaktiv.
Den gleichen Reaktortyp, mit genau den gleichen Problemen, hatten die Amerikaner in Hanford Site schon in den 1940er Jahren gebaut. Nicht zur Stromerzeugung, sondern einzig, um Plutonium zu gewinnen und spaltbares Uran zu erbrüten, das dann angereichert und zu Atombomben verarbeitet wurde.
Die Stromerzeugung kam am gleichen Standort erst später, mit der nächsten Reaktorgeneration, wassergekühlt wie sonst in Europa auch. Calder Hall ist das Stichwort. Nebst einem schnellen Brüter und einer Wiederaufbereitungsanlage am gleichen Standort... Ist ja eh schon kontaminiert.
Hier Details von Zeitzeugen, politisch-militärische Hintergründe inklusive:
BBC-Doku: Our Reactor is on Fire
Windscale - Britains Biggest Nuclear Desaster
Unfall ist nicht gleich Unfall. Bergwerksunfälle und Gasexplosionen (was das selbe ist!) kosten immer mal wieder Menschenleben. Sind dann aber die Toten mal gezählt, sind die vorbei. Das sind im schlimmsten Fall ein paar hundert Menschen, die da sterben, und ansonsten passiert da nach dem Knall nichts mehr.
In Tschernobyl hat es einmal kurz geknallt, vor fast 40 Jahren, und seither gibts da eine Sperrzone, die gut halb so gross ist wie die Schweiz, und man hat schon das zweite Containment drüber. Jedesmal eine Milliardeninvestition. Und das jetzige ist für hundert Jahre gut. Wenns die Russen nicht kaputt geschossen haben, was momentan nicht so ganz sicher auszuschliessen ist.
Dass, nicht ganz 40 Jahre nach dem Knall, keiner der damaligen Liquidatoren mehr lebt, und die Feuerwehrleute der ersten Stunde schon Stunden Tage nach dem Einsatz elendiglich verreckten, völlig verstrahlt mit einer mehrfachen lethalen Dosis. In der Gegend um die Sperrzone sind die Krebsraten seither nie wieder auf normales Niveau abgesunken.
Ganz recht. Es ist den Kopf in den Sand gesteckt, AKW zu bauen und in Betrieb zu nehmen, solange unklar ist, was man mit dem Atommüll macht. Das ist aber nicht die Schuld und Verantwortung der Umweltschützer, die genau deshalb schon immer gegen AKW waren und sind. Das ist dann eine Täter-Opfer-Umkehr erster Güte, die Du da betreibst.
Die Grünen stimmen Dir da voll und ganz zu. Jetzt, wo AKW nicht mehr buchstäblich im Weg stehen, als ebenso verantwortungslose Energiequelle wie die fossilen Energieträger, kann man sich endlich mit voller Kraft darauf konzentrieren, die letzteren endlich zu ersetzen. Man muss jetzt, von Rückbau und Endlagerung abgesehen, keine AKW mehr subventionieren, und die Störfeuer der AKW-Lobby hören auch auf, sobald mal der Rückbau begonnen wurde. Das macht Milliarden Euro frei für Erneuerbare und Speichertechnologien, die nun nicht mehr in die gefährliche Sackgasse Kernspaltung fliessen müssen.
Das ist so, wie wenn Du im Supermarkt keine Bananen mehr verkaufst, die nicht Bio sind. Es ist dann klar, dass es nur noch Bio-Bananen gibt, und wer Bananen will, wird die kaufen. Keiner fragt wegen 10ct. weniger pro Kilo extra nach, wo denn die mit dem Gift produzierten sind. Und bei AKW spielt nicht mal mehr das Preisargument. Es gibt schon lange billigeres als Atomstrom.