Wenn mir an der Diskussion was nahe geht, dann ist es die Überbewertung des Kapitalismus als Gesellschaftsform. Die Idee, er müsse Dinge Regeln, die er nicht fassen kann, und wenn er das nicht zufriedenstellend könne, dann sei er der Grund allen Übels und daher anzugreifen. Niederzuringen, zu ersetzen.
Nein, eben nicht. Man muss nur aufhören, Kaptalismus überzubewerten. Er kann nicht mehr als Eigentum verteilen.
Den Rest unserer Probleme kann er nicht lösen. Da muss anderes Werkzeug her. Nur: Die Smith'sche Idee der unsichtbaren Hand, die alles von selbst regelt, ist zu verlockend. Was mit Gut und Geld funktioniert, könnte man doch auch anderswo versuchen... Wär doch schön. Was der Kapitalismus quasi dezentral und universell regeln würde, dafür müsste Mensch keine Energie mehr verschwenden, und es könnte auch nichts mehr falsch gehen.
Nur kann der Kapitalismus das nicht. Er kann keine Moral. Er kann uns nicht richtig und falsch erklären. Er kann nicht zwischenmenschliche Probleme lösen, er kann kein Gefühl. Er kann keine Wertschätzung, die nicht in Geld noch Gut aufzuschreiben ist. Er kann uns nicht regieren. Er kann uns nicht sagen, was sein soll. Er kann nicht richtig und falsch unterscheiden. Für ihn ist Gewinn richtig, und Verlust falsch. Wo das aufs Leben nicht passt, versagt er notwendigerweise. Er kann nicht den Planeten retten, denn dazu ist mehr als Buchhaltung, mehr als Tausch nötig. Er kann auch keine Menschenwürde. Ganz im Gegenteil. Weil er den Tod nicht begreifen kann. Eine Firma, die Konkurs geht, hört auf, zu existieren. Es ist nicht schad drum, weil sie nicht gewinnbringend war. Ginge es nach dem Kapitalismus, dann hätte gefälligst nicht zu essen und zu wohnen, wer nicht genug Geld dafür verdienen oder sonstwie erlangen kann. Ich weiss, da kommt dann die Protestantische Arbeitsethik. Es ist aber Arbeitsethik und kein Arbeitskapitalismus. Wenn die Ethik nicht funktioniert, dann kann das nicht am Kapitalismus liegen. Der hat keine Ethik.
Zum Glück bin ich kein Protestant. Das klösterliche ora et labora ist mir näher. Einerseits kommt da die Arbeit als zweites. Beten zuerst. Als brotlose Beschäftigung per se. Für den Katohliken liegt damit auf der Hand, dass der Kapitalismus eben nicht so umfassend ist, wies manchmal gern gehabt würde, in der Hoffnung, er würde nicht nur Verteilungsprobleme bei Eigentum wie von selbst auflösen.
Aber: Kapitalismus kann auch keine Religion. Religion soll uns ja leiten. Soll uns zeigen, wie wir sein sollen. Das Sollen aber, das erschöpft sich beim Kapitalismus im Gewinn. Keine Antwort auf die Frage nach gut und schlecht. Keine Antwort auf das eigene Woher, das eigene Wohin. Keine Antwort auf den Ursprung der Welt. Nichts, was die Faustsche Frage auch nur ankratzen könnte, was denn nun die Welt in ihrem Innersten zusammenhält. Sie mag überlebt sein, die Religion. Man hats heute genauer. Ethik, Philosophie, Astronomie, Mathematik... Die Grundfrage bleibt die gleiche, faustsche.
Gibt es Gott? Auch die Antwort auf die Frage kann man nicht kaufen. Für mich gibt es ihn. Kein Zweifel.
Aber die sportliche Frage, obs auch ohne ihn ginge, bleibt. Kann der Mensch ohne Glauben? Meiner Erfahrung und Beobachtung nach nicht. Wenn nicht an Gott geglaubt wird, dann an irgend einen profanen Schrott. Da scheint mir der Glaube an Gott geradezu seriös dagegen. Man hat immerhin nichts zu verlieren, wenn man an Gott glaubt. Denn glaubt man an Gott, und es gibt ihn nicht, ist man gleich weit, wie wenn man nicht an ihn geglaubt hätte. Man hatte dann immerhin immer einen Funken Optimismus, denn gewöhnlich glaubt man an einen guten, liebevollen Gott. Glaubt man nicht, und kommt dann drauf, dass es ihn gibt, so muss man ihm erklären, warum man irgend einen profanen Schrott, woran man zeitlebens glaubte, vor Gott stellte. Kann man nicht. Gottes gerechtfertigter Enttäuschung, um mal nicht Zorn zu sagen, hätte man nichts, rein gar nichts von Überzeugungskraft entgegen zu setzen. - Unangenehm; um es euphemistisch auszudrücken. Glaubt man an Gott, und kommt am Ende drauf, es gibt ihn wirklich, dann hat man wirklich gewonnen. Cooler gehts nicht. Das ist der non-Kapitalistische sechser im Lotto. Ein Hauptgewinn mit einem Los, das man nicht kaufen musste. Nicht kaufen konnte.
Was nochmal hatte Religion mit Kapitalismus zu tun?