Gerade in Deutschland lief aber auch viel falsch. Ich bin anfangs der Meinung gewesen, dass Deutschland einen guten, lageangepassten Mittelweg fährt (kein Quatsch mit Außenmaskenpflicht wie in Italien, aber auch kein Nichtstun). Das wurde im Verlauf der Pandemie anders. Erstens hat Deutschland es überhaupt nicht gut hinbekommen, Maßnahmen auch wieder zu lockern - das passierte mit unfassbarer Verzögerung und führte somit z.B. zu den völlig unnötig langen Schulschließungen, Maskenpflichten im Sommer bei nahe Nullinzidenz etc. Zweitens hat Deutschland als einziges Land in Europa nach Auftreten der Omikron-Variante es nicht hinbekommen, aus der Pandemie wieder herauszukommen. Das Infektionsschutzgesetz für den Winter 2022/23 diente vor allem dem Ego des Bundesgesundheitsministers, während in den anderen europäischen Ländern wieder Normalität herrschte. Oder auch die Impfpflichtdebatte in Deutschland zu einem Zeitpunkt, als das einzige europäische Land, das sie eingeführt hatte, sie aus gutem Grund ausgesetzt hat. Mein Vertrauen in (deutsche) Politik hat massiv gelitten - obwohl sogar politisch engagiert.
Dass Boris Johnson jetzt Fehler eingesteht ist für mich sicher kein Grund zu sagen, nur die deutschen, härteren Maßnahmen haben so viele Tote verhindert. Schweden - auch hier lief nicht alles perfekt, aber mit minimalen Einschränkungen für Bürger und vor allem für Kinder - ist heute der einzige Staat Europas, der die vorpandemische Lebenserwartung für Männer und Frauen wieder erreicht hat.
Das sehe ich leider auch anders. Es haben sich einige Politiker sehr in der Rolle gefallen, in Hinterzimmern auswürfeln zu können, was ab morgen das Leben der Menschen bestimmt. Was ein Aufschrei da von manch einem kam, dass er demnächst seine Maßnahmen wieder im Parlament abzustimmen habe. Das bereitet mir durchaus Sorgen und zeigt die Anfälligkeit des demokratischen Systems.
Des Weiteren hat sich in der Corona-Pandemie die Diskussionskultur in einem Maß verändert, die durchaus ein demokratisches Defizit in neuer Qualität ist. Wer Corona-Maßnahmen - vielleicht gar mit guter Begründung - ablehnte, war sofort ein Leugner, Aluhut, Impfgegner, unsozial (weil man ja andere Leute nicht maximal schützen wolle) usw. Diese Diskssionskultur finden wir heute in der Klimadebatte wieder. Ich vertrete zwar diese Meinung nicht, aber es ist auch eine legitime Meinung, dass Deutschland weniger in Sachen Klimaschutz tun müsse. Jemand, der das sagt, wird jedoch mit der gleichen Intensität "behandelt" wie Kritiker von Corona-Maßnahmen. Oder "Russland-Versteher" oder oder oder. Diese Art und Weise des Umgangs hat sich in der Corona-Pandemie entwickelt (oder mindestens in ungekannter Weise beschleunigt) und treibt diejenigen, die sich in den sogenannten oder auch faktischen "mainstream-Meinungen" nicht widerfinden, in die Arme undemokratischer oder/und verfassungsfeindlicher Kräfte. Was uns zukünftig weitere Demokratiedefizite bringen mag.