Ja, es lässt einen sprachlos zurück. Ich befürchte allerdings, wir sind da nicht so weit weg von. Die Umstände sind halt andere und uns geht es sehr gut hier. Der Mechanismus ist allerdings gleich: es wird nur das eigene Umfeld überblickt und gesehen. Es fehlt die Möglichkeit, das eigene oder fiktive Leid auf andere zu übertragen; auf den Gegner schon gar nicht. Alles dreht sich nur um mich, später um meine Familie, dann Freunde und Nachbarn und vielleicht noch meine Gesellschaft, meinen Staat. Das diese Haltung noch nicht mal mehr Egoismus ist, da sie mir sehr schnell selbst massiv schadet - was solls, geschenkt.
Ich denke, es sind alles ganz nette Menschen im Westjordanland: sie sind nur unfähig, den Schmerz des eigenen toten Kindes zu übertragen auf den Schmerz der Angehörigen der jüdischen Familie. Sie erkennen nicht, dass die eigene Wut nichts rechtfertigt. Genauso, wie die Wut des Gegenüber - und das aus einer durch Wut getriebenen Handlung nur schlechtes für mich und den anderen entstehen kann.
Die meisten Menschen sind einfach zu dumm um zu erkennen, dass das verständliche Gefühl der Wut, des Hasses, der Verzweiflung und Angst zwar legitim, aber keine Grundlage für ein mir selbst nützendes Handeln ist. Was dann passiert ist zu tiefst unlogisch: die Reaktion löst wiederum eine Reaktion aus. Diese wiederum tötet wieder und so weiter und so fort. Im Kleinen, wie im Großen - womit wir bei uns wären: dem Nachbarn nicht den eigenen Müll gönnen, bei Flüchtlingen nicht die Not sondern nur die vermeidlichen Kosten zu sehen, Maske tragen müssen nicht als mögliche Unterstützung, sondern nur als Zumutung zu begreifen etc.pp.. Hauptsache ich. Komplette Unfähigkeit und Unwillen dem Anderen das zuzugestehen, was ich für mich selbst beanspruche.
@MatthiasM, ich befürchte, die meisten, zum aller größten Teil sehr netten Leute hier, würden sich im Westjordanland lebend kein bisschen anders benehmen. Das macht mir manchmal Angst (z.B. wenn ein Beitrag von mir hier, mit einer Antwort endet, die ich als offene Drohung empfunden habe. Mit der Folge von ein paar unlustigen Nächten). Ich wünschte mir, dass wir das Akzeptieren und daraus unsere Antworten und unser Handeln ableiten. Es gibt immer Gründe, warum Menschen handeln wie sie handeln. Das ist keine Rechtfertigung, weil fast jeder Mensch sein Handeln auch steuern und ändern kann. Und das würde uns die Möglichkeiten geben, Lösungen zu finden. Wir wären weg z.B. von diesem dumpfen Rassismus, dass die halt so sind und wir halt die Guten.
Eigentlich alles ganz einfach - aber wie sagte schon ein sehr kluger Mensch über das Weltall und die menschliche Dummheit: beides unendlich, beim Weltall wäre er sich aber nicht ganz sicher