Das sehe ich komplett anders: erst mit der Rückkehr nach Russland hat er sich die Chance erhalten, Einfluss zu nehmen. Jemand, der im Exil auf dem warmen Sofa sitzt, wird häufig nicht ernst genommen und verschwindet aus dem Bewusstsein. Egal, ob die Einstellung und Forderungen sinnvoll oder nicht sind. Er hat sich mit seinem Leben für Freiheit und gegen Diktatur gestellt - mehr kann man als Mensch nicht geben. Mehr kann man für andere Menschen nicht geben.
Ich gehe davon aus, dass er sich sehr bewusst war, was ihm bevor stehen wird. Er wusste, dass er in den Knast geht und sein Leben bedroht ist. Aber nur dadurch hatte er für viele im Land seine Glaubhaftigkeit behalten.
Er hat auf eine minimale Chance gesetzt und verloren. Scheinbar.
Gerade auch in Polen gab es wunderbare Menschen, die genau diesen Weg gegangen sind. Während der Nazizeit und in den Jahren der kommunistischen Diktatur. Es ist sehr schade, wenn in Polen die Geschichte dieser Männer und Frauen vergessen wurde. Ich bin mir sicher, diese Menschen werden auch wieder ins Bewusstsein kommen.
Zurück zu Navalny: Ich kann mich immer hinstellen und beschreiben, warum ich diesem oder jenem Menschen jenes nicht abnehme oder dieses kritisiere: Kropotkin war ein Adeliger, Bakunin war zu wild, Mühsam zu jüdisch, Emma Goldmann zu weiblich, da zu sexistisch, hier zu wenig vegan, zu weiß, zu schwarz, zu keine Ahnung.....
Seine nationalistischen Töne mochte ich auch nicht! Aber wer sagt mir, dass es nicht nur der Versuch war, darüber überhaupt erst einmal an Menschen heran zu kommen? Blöde Taktik? Ja vielleicht. Und nicht die Meine. Aber ich werde mich nicht hinstellen und so tun, als ob Menschen mit der reinen Lehre die einzigen Menschen sind, die akzeptiert werden dürfen. Das ist mir zu billig und in letzter Instanz haben wir den Faschismus, weil die letzten Vertreter der besseren Welt noch am Streiten sind, was den die bessere Welt sein könnte. So wie die deutsche Linke, deren Fragmente geübt in der Auseinandersetzung untereinander, von niemanden mehr ernst oder wahrgenommen werden.
Und wer tritt den Beweis an, dass Navalny nicht über seinen Weg Korruption zu bekämpfen und grundsätzlich demokratische Wege gehen zu wollen, Stück für Stück begriffen hat, dass Freiheit und Nationalismus nicht zusammen passen? Gibt es kein Recht, etwas gut zu können und anderes noch zu lernen?
Ich glaube Torsten schrieb es weiter oben sinngemäß, dass man dem Diktator von Morgen nicht unterstützen muss, nur weil er zur Zeit noch keine Macht hat und am säuseln ist. Dem würde ich immer zustimmen. Ich muss z.B. keine PKK unterstützen, wenn alles darauf hindeutet, dass sie nach einem Machtgewinn eine andere Unterdrückung etabliert. Und es ist auch richtig, dass fast alle Freiheitskämpfer nach dem Gewinn der Macht die Freiheit vergessen und zum nächsten Diktator wurden - aber es gab auch immer die Gegenbeispiele. Und die sollten unser Maß sein. Die Gandhis, Mandelas und wie sie noch alle geheißen haben. Mandela hat im übrigen auch einen sehr hohen Preis bezahlt - aber er ist die zentrale Person im Übergang von einem Unrecht- zu einem besseren System.
Wie exakt Navalny einzuordnen ist, werden wir nie erfahren. Aber eins wissen wir: Er hat sein Leben gegeben, damit eine bessere Zukunft möglich ist. Und er wurde umgebracht. Solche Menschen werden immer in den Köpfen anderer Menschen auftauchen; ob es ein Nestor Machno ist, der heute noch als Fragment das Bewusstsein in der Ukraine mit prägt oder ein Steve Biko, eine Sophie Scholl oder ein Georg Elser. Ohne diese Menschen, die bereit sind einen so hohen Preis zu zahlen, ohne diese Menschen würde eine Entwicklung zum Besseren noch schwieriger sein. Sie nehmen mit ihrem Leben, mit ihrem Handeln Menschen mit, die sich sonst nicht trauen würden.
Ich finde, in Momenten wie diesen, darf man einfach auch mal den Hut ziehen, sich verneigen und für ein paar Minuten ehrfürchtig inne halten. Meinen Respekt hat er und meine Kritik an ihm hat Pause.