Ich bin ein Freund davon, sich die Ursachen, die Ziele und die Historie anzuschauen. Nur dann kann man Beweggründe verstehen und daraus Lösungen erabeiten.
Was wäre ein Grund für die Hamas, die Geiseln nicht frei zu lassen? Welchen Grund könnte Netanjahu haben, dass die Geiseln nicht freikommen? Oder positiv betrachtet: Wann kann aus der eigenen Logik heraus die Hamas die Geiseln freilassen? Und kann Netanjahu etwas unternehmen, dass die Hamas die Geiseln lebendig freilassen möchte oder muss?
Die Geiseln sind für die Hamas kein Selbstzweck. Also muss die Hamas einen Sinn drin sehen, sie nicht freizulassen. Da der Preis für die Hamas unglaublich hoch ist, muss es für sie immer noch einen Sinn ergeben oder sie sind gefangen in ihrer Logik und den Umständen. Ich gehe von Letzteren aus.
Ich denke, die Hamas hat sich in diversen Punkten komplett verschätzt: Sie ging davon aus, dass die Hisbollah und vorallem der Iran aktiv eingreifen und somit sofort die Existenz Israels gefährden würden. Beides war bis vor wenigen Wochen so definitiv nicht der Fall: die Reaktion der Hisbollah und des Iran waren eher symbolischer Natur. Auch das muss man nicht begrüßen oder schön reden - man sollte es aber so einordnen, wie es ist. Die erste Reaktion des Iran ging mit Ankündigung und deutlicher Betonung, keine Zivilisten bedrohen zu wollen, eindeutig in diese Richtung. Weiter gab es kaum Unterstützung der Arabischen Welt - hier im Forum wird von einigen die These vertreten, dass die Palästinenser halt allen anderen Arabischen Ländern auf den Kecks gehen würden, daher keine Unterstützung mehr da sei. Ich halte das für falsch; in den letzten Jahrzehnten haben diverse Arabische Länder begriffen, dass es keine Vernichtung Israels geben kann. Die Gründe mögen von humanitären bis opportunistischen, wirtschaftlichen oder militärischen gehen - das ist letzendlich egal. Ebenso, ob da eine tiefe Liebe existiert oder nur rationale Erwägungen. Jordanien, Ägypten, Saudi Arabien und einige mehr haben eine andere Ausrichtung und Verhältnis zu Israel aufgebaut oder sind gerade dabei.
Daher frage ich mich, warum diese sehr eindeutigen Signale von Netanjahu nicht aufgenommen wurden: Netanjahu will um jeden Preis den absoluten Sieg, weil er sich davon einen Frieden und Sicherheit für die Bevölkerung erhofft. Diese Annahme ist meiner Meinung nach falsch, weil es diesen Sieg nicht geben kann, dass die letzten Jahrzehnte nicht funktioniert hat und alleine schon die hunderttausenden von Toten neue "Hamas" und "Hisbollah" Kämpfer entstehen lassen würden. Tod, Elend und Ungerechtigkeit - ob gefühlt oder real - erzeugen niemals Frieden. Da Netanjahu kein Idiot ist, weiß er das.
Die zweite Möglichkeit ist, dass das Trauma Israels so gewalltig ist, dass eine komplett überzogene Reaktion nicht vermeitbar ist. Das halte ich für sehr realistisch, dem Widerspricht allerdings, dass ein größerer Teil der direkt betroffenen Menschen diesen Weg nicht teilt. Und die Verantwortlichen um Netanjahu auch in der Vergangenheit wenig Ambitionen zeigten, einen dauerhaften Frieden aufzubauen. Alle Ansätze wurden aus diesem Lager torpediert, bishin zu der berechtigten Annahme, dass die Ermordung von Rabin nicht die Tat eines Einzeltäters war oder zumindest von diesem politischem Milieu gutgeheissen wurde bzw. wird.
Fazit: realistisch betrachtet sind die Karten immer noch bei Netanjahu. Er kann und muss handeln, er muss Vorschläge anbieten. Ob das Gerecht ist? Komplett egal. Es geht ausschliesslich darum, wer faktisch (aus diversen Gründen) Handlungsspielraum hat. Und das ist nun mal Israel (bewusst trenne ich hier von Netanjahu und dem Staat Israel).
Israel hat den moralischen Anspruch. Israel hat die militärische Macht, den wirtschaftlichen Hintergrund und (noch) sehr starke Partner an der Seite. Aus der Stärke heraus kann man Angebote machen; aus der Stärke heraus kann man Dinge anbieten, die man nicht anbieten muss, die aber dadurch eine Perspektive für alle bieten. Und nach meiner Meinung ist Gaza der Schlüssel zu allem.
Daher erhoffe ich mir im ersten Schritt einen Waffenstillstand im Gaza. Israel schlägt vor, Hamas geht darauf ein. "Eine Woche" nach Beginn und Einhalten des Waffenstillstandes werden alle lebenden und toten Geiseln freigelassen. Gleichzeitig ermöglicht und unterstützt Israel sofort die humanitäre Hilfe für den Gaza. Mit dem Beginn des Waffenstillstandes beginnen direkte Gespräche zwischen Israel und der Hamas bzw. der Fatah. Das Zustandekommen wird einige Zeit brauchen; in dieser Zeit werden die jetzt aktiven Partner diese Gespräche vorbereiten.
Beide Seiten verständigen sich darauf, alle aus den eigenen Reihen dagegen arbeitenden Personen und Gruppen zur Verantwortung zu ziehen.
Das wäre der Weg, den ich gehen würde, wenn ich König von Israel wäre.....