Auch die NZZ schreibt:
"Religiöse Minderheiten fürchten Herrschaft der Rebellenmiliz: Mohammed al-Julani ist der Anführer der islamistischen Rebellenmiliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die die Allianz gegen den syrischen Machthaber Bashar al-Asad anführte. Er schloss sich 2003 der Terrororganisation al-Kaida an. 2011 gründete er im Auftrag der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) die islamistische Nusra-Front, 2016 brach er mit dem IS und der Kaida, ein Jahr später entstand die HTS. Julani versucht der Miliz ein deutlich moderateres Image zu verleihen. Zum Porträt"
Auszüge aus dem Porträt:
wer ist Mohammed al-Julani?
Einst paktierte der Milizenführer mit den Terroristen von al-Kaida und dem Islamischen Staat. Heute versucht er die Welt davon zu überzeugen, dass er kein Paria sei. Doch es gibt berechtigte Zweifel an Julanis Sinneswandel.
Nach dem Sturz des Diktators Asad herrscht Euphorie in Syrien. Doch bei vielen Syrern löst dieser Umbruch auch Besorgnis aus. Das hat nicht nur damit zu tun, dass dem Land eine ungewisse Zukunft bevorsteht, sondern auch mit der HTS und ihrem Anführer Mohammed al-Julani. Die Aussicht auf eine Herrschaft der stramm islamistischen Truppe dürfte gerade bei religiösen und ethnischen Minderheiten die Freude über die «Befreiung» trüben.
Julanis Karriere als Jihadist begann, als er kaum 20 Jahre als war. ... nach dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 tauchte er plötzlich wieder in Syrien auf, wo er im Auftrag von Abu Bakr al-Baghdadi, dem späteren Anführer des sogenannten Islamischen Staates (IS), die islamistische Nusra-Front gründete, den syrischen Ableger der Kaida. ... Doch der «globale Jihad», den die Kaida und der IS propagierten, schien Julani zunehmend zu widerstreben. In einer vielbeachteten Pressekonferenz im Jahr 2016 zeigte Julani erstmals sein Gesicht – und verkündete den Bruch sowohl mit al-Kaida und dem Islamischen Staat. Fortan wolle er sich nur noch auf Syrien fokussieren, kündigte Julani an. Ein Jahr danach entstand aus dem Zusammenschluss fünf islamistischer Milizen die HTS ...
Während die HTS gegen das Asad-Regime kämpfte, regierte die Miliz in Idlib durch die zumindest vordergründig zivil geführte Syrische Heilsregierung (SSG) mit eiserner Faust. Politische Gegner und Journalisten wurden verhaftet, getötet und gefoltert, Proteste gewaltsam unterdrückt. Im Jahr 2018 stuften die USA die Miliz schliesslich als Terrororganisation ein, was die wirtschaftlichen Möglichkeiten und den Zugang zu internationaler Hilfe stark begrenzte. Dies war ein Problem für die HTS, da 75 Prozent der zwei Millionen Bewohner der Provinz Idlib auf humanitäre Lieferungen angewiesen sind.
Deshalb versuchte Julani in den vergangenen Jahren, sich und seiner Gruppe einen moderateren Anstrich zu geben. Gegen aussen stellte er sich als fürsorgliche Vaterfigur dar, der ... auch gegenüber den Christen und den Drusen die Hand ausstreckte und die Macht der Moralpolizei einschränkte. ... Zudem kündigte Julani gegenüber CNN an, Syrien in einen Staat der Institutionen umwandeln zu wollen, der nicht auf eine einzige Person fokussiert sei. Und er gab sich erneut betont tolerant gegenüber den syrischen Minderheiten ...
Beobachter sind sich uneinig, wie glaubwürdig der angebliche Sinneswandel von Julani und der HTS tatsächlich ist. Der Milizenführer habe «die richtigen Dinge gesagt», erklärte kürzlich US-Präsident Joe Biden, doch man müsse ihn nach seinen Taten beurteilen. Mohammed al-Julani ist wohl in erster Linie ein Pragmatiker, dem es vor allem darum geht, seinen Einfluss zu konsolidieren. Der neue starke Mann in Syrien dürfte sich nur gerade so lange weltoffen und tolerant geben, wie es ihm nützt.