Und mittendrin die Blöd:
Alles begann mit furchtbaren Nachrichten aus dem Gazastreifen: Dort hatte die israelische Armee am 31. August letzten Jahres die Leichen von sechs Geiselngefunden. Sie waren nach israelischen Angaben in einem Tunnel im Süden des Gazastreifens zuvor von ihren Bewachern erschossen worden, als sich israelische Truppen näherten.
Für viele Menschen in Israel war das ein weiterer Beleg, dass der Krieg in Gaza nicht für die Freilassung der Geiseln sorgt, sondern sie vielmehr in Gefahr bringt.
Player: video"Das sind alles relativ junge Menschen", Hanna Resch, ARD Tel Aviv, zu gefundenen toten Geiseln im Gazastreifen
01.09.2024
Krieg in NahostLeichen von sechs Geiseln im Gazastreifen gefunden
Scoop oder Schachzug?
Danach gingen in Israel Hunderttausende auf die Straße - es waren die größten Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg seit dem 7. Oktober 2023. Ausgerechnet in diesen Tagen veröffentlichte die Bild-Zeitung einen vermeintlichen Scoop, der sogar das israelische Kabinett beschäftigte.
Auf gewohnt reißerische Art titelte das Boulevardblatt: "Zum Schaudern! Das plant der Hamas-Chef mit den Geiseln: Jetzt wird das geheime Kriegspapier des Terror-Bosses enthüllt". In dem Beitrag ging es um ein bis dahin unbekanntes und von der israelischen Armee als geheim eingestuftes Dokument, das angeblich auf einem Computer in einem Tunnel im Gazastreifen gefunden worden war. Laut Bild stand darin, dass Jihia Sinwar, der inzwischen getötete Hamas-Chef in Gaza, nicht an einem Deal zur Freilassung weiterer Geiseln und zu einer Waffenruhe interessiert sei und weiterhin über die Geiseln psychologischen Druck auf Israel ausüben wolle. Das Schreiben stamme vom Frühjahr 2024 und liege Bild exklusiv vor.
Die Veröffentlichung war sogar Thema im israelischen Kabinett: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte dort am 8. September 2024, zwei Tage nach dem Erscheinen des Beitrags, die Bild-Zeitung habe ein offizielles Hamas-Dokument veröffentlicht. Demnach sei der Plan der Hamas, den Druck auf die israelische Regierung von innen und außen zu verstärken.
Der Veröffentlichungszeitpunkt kurz nach den Massendemonstrationen gegen die Regierung war, israelischen Medien zufolge, kein Zufall. Das Dokument wurde nach Angaben der israelischen Armee schon Monate zuvor gefunden - und stammt demnach nicht von Hamas-Chef Sinwar. Doch die Botschaft für die israelische Öffentlichkeit war: Die, die gegen den Krieg in Gaza auf die Straße gehen, sind nützliche Idioten der Hamas. Frei nach dem Motto: Verhandeln bringt nichts…
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Ende November wurden der Reserveoffizier Ari Rosenfeld und Eli Feldstein, einer der Sprecher Netanjahus, unter dem Vorwurf des Geheimnisverrats und der Gefährdung der Arbeit des israelischen Geheimdienstes angeklagt. Auch die Bild-Zeitung wird in der Anklageschrift genannt. Mehrere Medien, nicht nur in Israel, werfen ihr vor, sich mit der Veröffentlichung des Dokuments und dem Weglassen darin enthaltener Informationen zum Erfüllungsgehilfen der israelischen Regierung gemacht zu haben.
Möglicherweise werden nun noch weitere enge Vertraute Netanjahus angeklagt. Vergangene Woche warf Generalstaatsanwältin Baharav-Miara dem Netanjahu-Berater Jonatan Urich vor, auch er und ein weiterer Mitarbeiter des Ministerpräsidenten seien an der Weitergabe der klassifizierten Dokumente an die Bild-Zeitung beteiligt gewesen in der Absicht, die öffentliche Meinung in Israel zu beeinflussen. Netanjahu wies diesen und andere Vorwürfe als politisch motiviert zurück.
Die Bild erklärte zu den Vorwürfen, sie äußere sich nicht zu ihren Quellen, die Berichterstattung beruhe auf authentischen Quellen. Die Beziehungen der Bild-Zeitung zur israelischen Regierung sind eng: Schon vor dem Skandal erschienen in dem Blatt zwei exklusive Interviews mit Ministerpräsident Netanjahu, die vielen anderen Medien verwehrt werden. Reporter der Bild-Zeitung konnten im Gefolge der israelischen Armee schon früh aus dem Gazastreifen berichten...
https://www.tagesschau.de/ausland/asien/netanjahu-bildzeitung-hamas-100.html