„Putin der Schreckliche: Putins Russland wird es am Ende genauso ergehen, wie es ihm nach dem allerersten russischen Zar Iwan „dem Schrecklichen“ ergangen ist. Was von Putin bleiben wird, wird wie bei Zar Iwan ein traumatisiertes, verheerend entvölkertes, zusammengebrochenes Imperium sein - an dessen Rohstoffen sich seine Nachbarn bedienen werden, welches auseinanderbrechen und in der Bedeutungslosigkeit verschwinden wird.
Wie Putin hatte Russlands gefürchteter erster Zar Iwan IV. (1530-1584) das Land mit einer Terrorherrschaft unterdrückt und griff schließlich seine westlichen Nachbarn an. Im Livländischen Krieg drang er bis an die Ostsee vor und konnte erst durch den kollektiven Westen und die Armeen Polen, Litauens und Schwedens besiegt werden. Die Verheerung der Kriege und der Schreckensherrschaft Iwans führten zu einer schweren Wirtschaftskrise und in deren Folge zu sozialen Unruhen, die den Moskauer Staat an den Abgrund brachte. In der sogenannten „Zeit der Wirren“ (1598-1630) brach die bestehende Ordnung zusammen. Es dauerte Jahrhunderte, bis sich Russland wieder halbwegs stabilisierte - und eigentlich gelang dies nur durch erneuten Druck nach innen und Aggression nach außen (sowohl unter den Romanows, als auch unter sowjetischer Herrschaft und in Putins Reich).
Die Parallelen zwischen Iwan und Putin sind frappierend: Iwan war der erste russische Herrscher, der sich Zar nennt und eine echte Monarchie aufbaut - ähnlich wie Putin, der die Verfassung änderte, um ewig Präsident sein zu können. Die Machtkonzentration in Moskau ging bei Iwan auf Kosten der Adelsfamilien, die bislang in Russland das Sagen hatten - ähnlich wie Putin den neuen Geldadel der 90er Jahre entmachtete und gefügig machte. Um diese Bojarden in Schach zu halten, ließ sich Iwan vom Oberhaupt der orthodoxen Kirche krönen und baute zwischen Staat und Kirche eine feste Bindung auf, die ihn legitimieren sollte - wie Putin, der ohne wirkliche religiöse Ambitionen eine Legitimierung seiner Herrschaft und seiner Kriege durch die russische-orthodoxe Kirche inszeniert. Iwan wie Putin reformierten Verwaltung und Militär und dehnten den russischen Einfluss mit kriegerischen Mitteln aus. Iwans Elitetruppen unterdrückten brutal jeden Widerstand - ganze Städte ließ Iwan ähnlich wie Putin verwüsten. Mord an Feinden im Inneren war für beide normal. Beide setzten auf Angst und Brutalität.
Am Ende wird Putin das gleiche Schicksal wie Iwan ereilen, der sich krank und paranoid eingebunkert hatte und nur noch wild um sich schlug. Als das Oberhaupt der Kirche dies kritisiert, lässt Iwan auch ihn töten und verliert damit ein großes Stück seiner Legitimität und Unterstützung. Auch einen seiner Söhne erschlägt er im Jähzorn. Am Ende wird er selbst zum Opfer seines Terrors, wird vergiftet und erdrosselt.
Kriege führen und Angst verbreiten – so sicherte Iwan der Schreckliche seine Macht. Der Zar hatte wie Putin nach außen durch immer neue Kriege und nach innen durch ein Regime der Angst seine Macht gefestigt und sein Reich vergrößert. Beide sind als Reformer gestartet und schließlich nach und nach ins Monströse abgeglitten.
Die Parallelen zum heutigen System Putin sind unverkennbar:
1. Krieg, Krieg und nochmals Krieg:
Iwan IV. hörte nie auf, Krieg zu führen – dies half ihm, seine Autorität auch im Inneren zu festigen. Dabei halfen seine gefürchteten Geheimpolizisten, die Opritschniki. Putin hielt es genauso. Schon 1999, im ersten Amtsjahr als Ministerpräsident, gab der gelernte KGB-Agent den Befehl zum Einmarsch in Tschetschenien. Vorausgegangen waren angebliche tschetschenische Bombenanschläge auf Moskauer Wohnhäuser, die Putin vermutlich selbst inszenieren ließ. Stets betonte Putin eine Bedrohung von außen, der man zuvorkommen müsse. 2008 befahl Putin einen Einmarsch in Georgien, 2014 die Besetzung der Krim, 2015 mörderische Luftangriffe in Syrien. 2018 brach er den INF-Vertrag und stationierte mitten in Europa auf Berlin, Warschau, Paris und London gerichtete Atomraketen. Im Januar 2022 schickte er Luftlandetruppen nach Kasachstan und Panzer nach Belarus. Am 24. Februar befahl er in der Ukraine den Beginn der größten Landschlacht seit 1945.
2. Der Traum vom „dritten Rom“:
Putin entwickelte einen gefährlichen Ultranationalismus. Bereits 2017 war in der Stadt Orel das erste Denkmal des Landes für Iwan den Schrecklichen enthüllt worden. Putin übernahm die Visionen des faschistischen russischen Mystiker Alexander Dugin. Nach dessen „Eurasianismus“ soll Moskau nach dem „Untergang des Westens“ das „dritte Rom“ werden - die neue Machtzentrale mit Sitz in Moskau, die quer durch Europa und bis nach Asien das Sagen hat. Tatsächlich trieb schon Iwan den Schrecklichen die gleiche Vision vom Untergang des Römischen Reichs und Konstantinopels und einer russischen Hegemonie über Europa.
3. Das Bündnis mit der orthodoxen Kirche:
Die orthodoxe Kirche in Russland steht heute wie vor 500 Jahren auf der Seite der Gewaltherrschaft. Der derzeitige russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. lobte bereits im Jahr 2016 das Tyrannendenkmal für Iwan IV. in Orel. In seinen öffentlichen Gebeten ruft Kyrill seine Landsleute dazu auf, sich hinter Putin und seinen Krieg zu stellen.
Bereits zu Zeiten Iwans des Schrecklichen gab es ein sehr gutes Einvernehmen zwischen der russisch-orthodoxen Kirche und einem Massenmörder im Kreml, der zum Beispiel allein in der reichen Handelsstadt Nowgorod 60.000 Menschen hatte niedermetzeln lassen. Moskaus Dominanz half damals wie heute beim Eintreiben von Geld und der Bereicherung der Kirche und ihrer Vertreter.
4. Abschnüren von Zivilisten in ihren Städten:
In der Schlacht gegen Kasan (1552) machte Iwan IV. die Zivilbevölkerung wie in vielen anderen Städten massenhaft zu Geiseln. Seine Truppen schnitten alle Versorgungswege ab, ließen die Einwohner hungern und dursten und beschossen mit ihren Kanonen zivile Häuser, bis alles in Trümmern lag. Praktiken dieser Art sind heute nach geltendem Völkerrecht verboten. Die russische Armee aber ging in Tschetschenien, Syrien und der Ukraine exakt nach dem Muster aus dem 16. Jahrhundert vor. Russische Soldaten zerstörten ganze Wohnviertel und schnürten sie von jeglicher Versorgung ab. Krankenhäuser und Energieversorgung wurden in Tschetschenien, Syrien und der Ukraine gezielt zerstört, um die Zivilbevölkerung zu treffen.
5. Massenmord an wehrlosen Menschen:
Iwan dem Schrecklichen genügte nicht der bloße militärische Sieg über feindliche Soldaten, er ließ Gefangene und Zivilisten meist massenhaft niedermetzeln – als Warnung an die Überlebenden und als Zeichen eigener Überlegenheit. In Orten, die in der Ukraine von russischen Truppen nach wochenlanger Besetzung verlassen wurden, sah es genauso aus. Hunderte Leichen wurden gefunden, oft links und rechts der Straßen. In Butscha wurden unbekleidete tote Frauen zum Verbrennen aufeinander geschichtet, ein ermordeter Bürgermeister wurde in einen Brunnen geworfen – auch der verächtliche Umgang mit Leichen entspricht Praktiken des 16. Jahrhunderts.“
Putin wird am Ende nichts von seinen imperialen Träumen erreicht haben. Anstelle einer russischen Hegemonie über Europa wird Russland zerbrechen. Über seine Rohstoffe werden sich westliche Firmen hermachen und der östliche Teil an China fallen. Restrussland wird seine Atomwaffen aufgeben müssen und vollends zu einer verarmten und rückständigen Regionalmacht herabsinken.
____________
Unter Verwendung von „Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer“ von Andreas Kappeler; „Gewaltherrschaft in Russland“ von Matthias Koch