Deine Verbindung teile ich nicht: sie (die 12 Jahre) sind ein Teil unserer Kultur, genauso wie der Kolonialismus oder die Unterdrückung von Frauen, Fremdenfeindlichkeit, Überheblichkeit und Begriffe wie Herrenrasse oder Untermenschen. Heute immer noch bei diversen Familientreffen ausgiebig genutzt. Das ist genauso ein Teil "unserer" Identität, wie die Familie Mann, Herr Siemens, Kant oder Luxemburg, Bismark oder Klara und Ulrike von nebenan. Bach, Nitsche, Kant und Hegel nicht zu vergessen. Erst das systematische Weglassen wesentlicher Dinge schafft bei mir Unbehagen und Ablehnung. Auch ist "Dein" Nationalstolz und Patriotismus (besser der von Dir zitierte) leider sehr häufig mit der Erhöhung der eigenen Identität oder Herabstufung anderer Gesellschaften/Menschen verbunden - das macht es für mich zum Problem. Womit ich auch ein Problem habe ist, Stolz auf etwas zu sein, für das ich sehr, sehr wenig beigetragen habe. Das hat schon neurotische Züge und eher ein Ausdruck der Erhöhung anderen Menschen gegenüber und der Versuch darüber einen eigenen Wert zu definieren. Es hat halt schwer Bestand zu behaupten, dass man besser als der Nachbar sei - der Gegenbeweis folgt doch recht schnell; die Juden sind keine Menschen, wir sind die bessere Rasse, ist da deutlich das einfachere Mittel. Sich selbst einen Wert zu verpassen, sich über andere Menschen zu stellen. Der Beifall der sich selbst nicht schätzenden Menge, ist einem Gewiss - aber der Glaube, dass der Beifall der Menge einen Beweis für meinen Wert ergeben würde, ist Blödsinn. Genauso, dass das Treten nach unten irgend etwas verbessern würde. Worauf bist Du exakt Stolz? Auf den sehr weitgehenden Einfluß jüdischen Lebens auf unsere Kultur? Oder den noch stärkeren christlichen Einfluß? Den liberalen und weltoffenen Einfluß vieler deutscher (haben sie sich so verstanden?) Philosophen und Wissenschaftler auf unsere Gesellschaft? Ich bin froh in diesem Land leben zu können. Trotz allen Gemecker. Aber stolz bin ich nicht. Stolz bin ich auf das, was ich selbst gut gemacht habe, dass ich mir fast immer treu geblieben bin, das ich kein Schwein bin - zumindest ich mich nicht so sehe. Ja, man kann auch stolz darauf sein, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Werte zu haben und diese zu teilen. Aber wieso soll ich Stolz auf eine Gemeinschaft sein, die ich nicht mehr überblicken kann? Oder anders gefragt, warum soll ich Stolz sein, ein Deutscher zu sein und mich mit Menschen gleichsetzen, die keinen Stolz empfinden Europäer oder Weltbürger zu sein? Menschen, die den Stolz deutsch zu sein als Ausdruck der Verachtung anderen gegenüber benutzen? "Mitunter wird der Stolz in zwei Formen unterteilt: eine gesunde und eine kranke, das heißt neurotische Form .... Neurotischer Stolz kann es sein, wenn man stolz auf etwas ist, was man nicht selber geschaffen hat; es kann auch neurotisch sein, stolz zu sein auf destruktive Leistungen gegen Menschen (zum Beispiel Stolz, möglichst viele Leute betrogen zu haben). Stolz auf eine Leistung, die man für sich oder andere erbracht hat (beispielsweise Ablegen einer Dissertation, Abitur), gilt als legitim. Wikipedia