Die Elektroapostel wollen dir gar nichts weismachen, aber wenn du mal ein aktuelles E-Auto (Ioniq, i3, Zoe, Leaf, Kona, Niro, e-Golf) deinen Alltagsweg fahren würdest, würdest du selbst erleben können, dass 100 Kilometer Pendelstrecke in punkto Reichweite bei keinem dieser Modelle mehr ein Thema sind - weder im Sommer mit Klimaanlage, noch im Winter mit Heizung - und auch nicht auf der Autobahn. Ich merke allerdings auch bei einigen unserer Carsharing-Nutzer, dass sie das E-Auto wie einen Diesel oder einen Benziner fahren ohne auf Rekuperation oder andere Vorteile des E-Antriebs zu achten und damit entsprechend auf abenteuerliche Verbräuche kommen (zB über 20kWh/100km im i3, obwohl der bei sehr flotter Fahrweise bei mir zB gerade mal 15kWh/100km braucht).
Was ein Thema ist, bei dem ich dir zum Teil zustimme, ist die Lademöglichkeit vor Ort. Bei langer täglicher Pendelstrecke macht es derzeit kaum Sinn, wenn man nicht entweder daheim nachts, oder am Arbeitsplatz tagsüber laden kann. Würde die Pendelstrecke täglich insgesamt 30-50 Kilometer betragen, könnte man ausprobieren, ob man mit "Fernladen" über die Runden kommt, ohne dass es zu nervig wird (zB am Supermarktparkplatz während des wöchentlichen Einkaufs, oder mal am Abend beim Freunde treffen in der Stadt), aber 100 Kilometer am Tag ohne dauerhafte Lademöglichkeit sind dafür tatsächlich unpraktikabel.
Aber: Keiner der Elektroapostel spricht davon, dass du deinen Verbrenner wegwerfen musst - weder wenn es beim Fahrprofil nicht passt, noch sonst. Der Hinweis darf aber wohl nachdrücklich erlaubt sein, dass einer, der sich heute einen Neuwagen kauft, zumindest darüber nachdenken sollte, ob ein aktuelles E-Auto nicht etwa doch in sein Fahrprofil passt. Und da werden sehr viele heute schon und immer mehr bei besseren Lademöglichkeiten draufkommen, es passt. 50 Kilometer Pendelstrecke pro Richtung entspricht NICHT der großen Mehrzahl an Tagespendlern.
Und ja, es muss auch erlaubt sein darauf hinzuweisen, dass man überlegen könnte, ob man nicht eine kleine persönliche Komforteinschränkung in Kauf nehmen kann, um dafür lokal emissionsfrei und energieeffizient unterwegs zu sein, was vor allem den Innenstädten in der Tat viel an Komfort- und Lebensqualitätsgewinn bringen würde (wenn man schon unbedingt glaubt mit dem Auto in die Innenstadt zu müssen).
Ich sehe daher auch nicht ein, dass ich und andere, die bei diesem Thema zum Umdenken anregen wollen, uns süffisant als "Elektroapostel" titulieren lassen sollen, wenn andere nicht einmal bereit sind, auch nur einen Millimeter ihrer Gewohnheiten zumindest zu überdenken. Das Pendant zum Elektroapostel wäre dann wohl der Ölpharisäer. Hinter mir die Sintflut - im wahrsten Sinne.
Nebenbei passend dazu angemerkt: Das konsequente Anti-selling, dass die deutsche Autoindustrie bei E-Autos in den letzten Jahren hierzulande betrieben hat, fällt dem deutschen Arbeitnehmer schön langsam auf den Kopf - denn man baut jetzt natürlich auch dort die Werke, wo die Nachfrage bereits größer ist - wie Daimler zB in den USA: https://www.electrive.net/2018/10/06/mercedes-startet-bau-von-batteriewerk-in-tuscaloosa/ - die vielen Arbeitsplätze bei deutschen Herstellern wird's also wohl auch in Zukunft geben, aber wenn man nicht schön langsam aufpasst, dann vermutlich vermehrt woanders als in Deutschland.