Die Älteren erinnern sich noch an die DDR.
Und dass es Warteschlangen gab, wenn nicht alltägliche oder importierte Waren wie Orangen oder Jeans in den Geschäften angeboten wurden. Die westliche Propaganda verkaufte das als Beweis des Mangels, als immanente Schwäche der Planwirtschaft und beteuerte stets eilfertig die Überlegenheit ihres Systems;
Überfluss zum Wegwerfen.
30 Jahre später gehe ich zur Post und stehe wieder, besser, immer noch in der Schlange – aber halt,
eigentlich gibt es die Post gar nicht mehr
als das etwas behäbige Urgestein staatlich verlässlicher Zustellung und Dienstleistung. Auch hier arbeitet die Subunternehmerin selbst und ständig als Franchiserin oder Konzessionsnehmerin oder was weiß ich. Ihr kleiner Junge turnt schon mal in der kleinen Verkaufsbutze, kein Vergleich zur fast Hallengröße am Wilkeplatz mit den drei Schaltern, rum, wenn sie ihn wieder nicht hat unterbringen können. Mama wird wohl an Krebs sterben,
der sich anschickt, den Herzinfarkt als Ursache Nr.1 abzulösen. Oder an Schlaganfall, bei dem Pensum, was sie leistet,
sehr wahrscheinlich. Oft roter Kopf, immer freundlich und kaum Zeit fürs Klönen. Gut, eine Überweisung nach Usbekistan oder das Paket nach Griechenland brauchen ihre Zeit. Altersruhegeld, beschauliches Rentnerdasein, wie wird das nochmal geschrieben? 2040 hat‘s der Prognose nach grob 25% Grundsicherungsempfänger nach beendetem bzw. verschlissenem Leben im Beruf,
wiel die Rente nicht reichen wird.
Schlange stehen geht heute nach 30 Jahren auch
gerne auf dem Amt, StVA in Soest z. B., 4 Std waren bisheriger mir bekannter Rekord;
nee, hier mehr Schlange sitzen, warten. Ausländerbehörde ist auch super gut.
Die Gedanken kommen mir, als ich auf den medizinischen Dienst der Krankenkassen zur Begutachtung warte, deren Pflegegradantragprüfung eh zunächst negativ beschieden werden wird. 2 Stunden Ankunftszeitfenster im Benachrichtigungsschreiben, von 10 – 12, er kommt um 11.30 Uhr. Ich empfinde das als Zumutung, nein, mehr als Unverschämtheit:
Betroffene, die sich wenig wehren, die nervös, ängstlich, ohnehin völlig unnötig gedemütigt und ohnehin unterwürfig vor Behörden und ähnlichen Institutionen sind. Institutionalisiert, patriarchalisch sein Auftreten. Dumm distanziertes und kaltes Lächeln, getoppt allerdings durch den Scheitel seiner Kommunionunterrichtsfrisur von vor 45 Jahren.
Ich habe im überlegenen und allein herrschenden System inzwischen über eine Generation Neoliberalismus mitgemacht, durchgestanden, ertragen;
leider,
immer noch heißt es warten, Lebenszeit verschwenden, im Stau stehen, nicht tun und lassen können wonach einem der Sinn steht.
Der Markt wird es richten, sicher, ganz sicher, so lautet das ewige Mantra:
Ooohhm, ooohm, ooohm...
Nur noch etwas mehr Deregulierung
und spät abends quakt dann Valerie Haller – die Börsentante des Heutejournals – wieder mit Drahtkleiderbügelstimme von
der Nervosität der Märkte, völlig
ungeachtet meiner Nervosität, wenn sie mit und durch diesen Unsinn meine Nerven sägt.
Gruß
Wolfgang