Wie man sieht, steht hinter der Überschrift ein Ausrufezeichen, kein Fragezeichen. Ich will hier mal kurz () meine Erfahrungen mit der galvanischen Entrostung von Eisenteilen kundtun. Chemikern erzähle ich nichts neues, lesen kann man dazu auch einiges im www aber ich habe das selbst mal ausprobiert. Vielleicht hilft es ja dem einen oder anderen. Und wenn nicht ist auch egal. Ich habe gerade etwas Zeit zu verplempern.
Ich habe es beruflich häufig mir stark korrodierten Eisenteilen (z.B. Bremssätteln, Zylinderrohren etc.) zu tun. Lange Zeit bin ich dem Problem mit der Flex (Drahtbürstenaufsätze), Nadelentroster, Strahlkabine, also mechanisch zu Leibe gerückt. All diese Methoden funktionieren aber sie haben doch Nachteile. Z.B. Zeit. Wenn man bei einer Reparatur ein wenig die Uhr im Auge behalten muss (damit das ganze keine caritative Maßnahme für den Kunden wird), kann mechanische Entrostung zum Problem werden. Für einen durchschnittlich vergammelten Bremssattel brauche ich mit Einsatz des Nadelentrosters und der Strahlkabine min. 30 Minuten pro Stück bis er lackierfähig ist. Dabei läuft der Kompressor permanent. Stromkosten kommen also auch noch dazu. Lächerlich im Einzelfall, im Geschäft muss man das aber irgendwie auch kalkulieren. Schneller geht das mit der Flex. Kann man auch mal machen. Wenn aber nach zwei Bremssätteln die komplette Werkstatt in einen dichten Nebel aus Rost und Dreck gehüllt ist, der sich dann auch noch überall (wirklich überall) niederschlägt, man selbst aussieht wie ein Heizer einer alten Dampflok und dann noch von den kleinen Drahthärchen der Bürste perforiert ist, macht das nicht so großen Spaß. Also raus, vor die Tür. Bei entsprechender Witterung geht das auch. Nur, wenn der Wind ungünstig steht und die Frau unbemerkt Wäsche um die Ecke aufgehängt hat..... Nun ja.
Ich habe einen Weg gesucht, mir das leichter zu machen und habe mir zwei Möglichkeiten geschaffen, Teile (Eisen) galvanisch zu entrosten.
1. Natronlauge. Ich habe eine Lauge angesetzt. Ich glaube (ist länger her) das Verhältnis Ätznatron zu Wasser war 1:2. Hört sich wüst an aber das Zeug löst sich ja auf. Betrieben (man braucht Gleichstrom für den Prozess) wird das mit einem analogen Old-Fashioned-Batterieladegerät, mit dicken Kabeln und Polklemmen- der Kram wird heiß!. Der Pluspol geht ins Bad, der Minuspol an die zu entrostenden Teile. Das ganze funktioniert sehr gut auch vergleichsweise schnell. Ich lege die Teile i.d.R. über Nacht ins Bad und am nächsten Tag kann ich sie weiter bearbeiten. Bearbeiten heißt: Mit Wasser abspülen, trocken pusten und ca. 5 Minuten Glasstrahlen. Dann können Sie lackiert werden. Das ist für mich eine ganz erhebliche Zeitersparnis, weil fast alles von allein geht und ich in der Zeit anderes machen - im günstigsten Fall schlafen - kann. Die Lauge entfernt auch Fett und Lack. Gummi wird nicht angegriffen. Und am Ende hält die Lauge sehr lange. Das ist wirklich eine gute Sache. Es gibt aber auch Nachteile. Fangen wir beim Ansetzen an: Wenn man das Natron mit Wasser mischt, wird es in Sekundenbruchteilen bis zu 95°C heiß - das sollte man auf dem Zettel haben und nicht unbedingt in einem Plastikeimer anrühren. Kontakt der Lauge mit Zink und Alu führen zu ganz (ganz, ganz, ganz) unangenehmen Reaktionen - das muss man unter allem Umständen vermeiden. Die Lauge ist zudem ziemlich ätzend auf der Haut und lässt sich schwer abwaschen (habe ich alles "ausprobiert", muss man nicht haben). Wenn ich damit arbeite, trage ich einen Gesichtsschutz und Chemikerhandschuhe. Und dann bildet sich noch Knallgas. Man sollte also keine Zigarette über dem Behälter anzünden - es könnte sein, dass man die dann schneller raucht, als man sich das vorgestellt hat. Der Raum sollte gut belüftet sein. Und zu guter letzt, das was mich angetrieben hat, nach einer Alternative zu suchen: Das wird auf Dauer eine ziemliche Pampe (mein Sohn sagt immer, dass das Walter-White-mäßig aussieht). Und das Zeug muss ja irgendwie koscher entsorgt werden.
2. Die Alternative: Mit Wasser verdünnbare Enzyme. Ich habe einen Kerl kennengelernt, der Oberflächen aller Art behandelt, strahlt, reinigt, Trockeneis usw. der brachte mich auf diese Enzyme (in meinem Fall Bio-Derosta L3) und das habe ich auch probiert, bzw. ich bin noch dabei, es zu probieren. Ich kann aber jetzt schon einiges sagen, vorwiegend was die Nachteile betrifft: Das Zeug ist deutlich langsamer als Natronlauge, zumindest wenn man kaltes Wasser verwendet- dazu gleich noch was. Weitere Nachteile: Das Zeug greift Gummi (auf jeden Fall auf Silikonbasis) an und es entfernt keinen Lack und Fett. Das ist für mich mitunter ungünstig. Gummiteile werden zwar im Rahmen der Reparaturen erneuert, deshalb ist das nicht so schlimm (man muss es nur wissen), aber Altlack entfernen wäre manchmal nicht schlecht. Das ist in meinen Augen ein echter Nachteil. Denn Rost unter dem Lack und auch unter Fett wird nicht entfernt. Das ist für meine Belange ein deutlicher Nachteil. Die Standzeit der Lösung ist auch nicht besonders lang. Man sagt, dass die Enzyme ca. eine Woche aktiv sind und dann absterben. Das kann von Nachteil sein -teurer ist es auf jeden Fall. Aber wo Nachteile, da auch Vorteile: Das Zeug ist biologisch abbaubar, kann über das Abwasser entsorgt werden und tut auch nicht weh wenn man damit in Berührung (zumindest an den Händen) kommt. Auge habe ich noch nicht probiert, habe ich auch nicht vor. Am Ende wirkt es auf unlackierten, entfetteten Teilen auch sehr gut. Das kann ich jetzt schon sehen. Es dauert eben nur länger. Für mich wird das in allen Fällen zur Anwendung kommen, wo es passt. Der Tippgeber verwendet das Zeug selbst auch wenn es geht. Er setzt das i.d.R. in einem Ultraschall- Reinigungsgerät ein, bei dem er nur die Heizung (und nicht den Schall) auf 50°C stellt. Das, so sagt er, würde den Prozess erheblich beschleunigen und das glaube ich auch. Ich habe vorhin eine Lösung mit 50° heißem Wasser angesetzt und der eingelegte Bremssattel zeigte schon nach wenigen Stunden deutlichen Rostverlust. Sein Ultraschallgerät werde ich mir auch noch anschaffen (zuerst ist aber ein Induktionswärmegerät dran - andere Baustelle). Wer z.B. ein Auto restauriert, oder Schrauben, andere kleinere Teile, auch Werkzeug, umweltfreundlich und mühelos entrosten will, für den kann das eine gute Lösung sein- wenn kein Zeitdruck herrscht.