Genau da liegt eines der großen Probleme bei der Beurteilung des Umgangs mit Sars-Cov-2 in Schweden. Es wird meistens auf die hohe Todesrate pro Einwohner hingewiesen und daruas ohne Umwege geschlossen, daß der Weg über härtere Restriktionen wie z.B. in Deutschland pauschal der bessere Weg sei. Daß aber ein sehr auf Kante genähtes System der Versorgung von Senioren dabei das eigentliche Problem sein könnte, damit hat Anders Tegnell nich ganz Unrecht. Daß dabei auch Pflegepersonal in jüngerem Alter massiv betroffen ist, verleiht wiederum in der Gesmatstatistik den Anschein, in Schweden wäre die Gesamtbevölkerung von den Altersgruppen her betrachtet genauso betroffen wie in anderen Ländern auch, weshalb man wieder über die "viel zu lockeren Regeln" schimpft, wie neulich wieder ein Spiegel-Artikel, der allgemein als "gut recherchiert" aufgenommen wurde. Die Statistik enthält leider keine Angaben über die Berufsgruppen der schwer Erkrankten und Gestorbenen.
Im Alltag läuft in Schweden vieles sehr ähnlich wie in Deutschland: Größere Veranstaltungen finden nicht statt. Gottesdienste, Chorproben und dergleichen sind bis auf weiteres eingestellt. Wer kann, meidet öffentliche Verkehrsmittel. Homeoffice wird in noch größerem Umfang praktiziert als in Deutschland. Wer Symptome hat, bleibt zu Hause. Einzige signifikante Unterschiede: Es läuft fast niemand mit Maske herum, und die Kindergärten und Schulen bis zur 9. Klasse blieben geöffnet, Geschäfte blieben auch geöffnet.
Die Masken beim Einkaufen und im ÖPNV würde ich mir ehrlich gesagt hier auch wünschen, zumindest als Empfehlung, weil sie den meisten Menschen nicht schaden und zusätzlichen Schutz mit wenig Aufwand bringen. Aber sonst geht es doch nach allem, das wir inzwischen über dieses Virus wissen, hauptsächlich darum, die Zahl und Intensität der Kontakte zu begrenzen, Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen zu vermeiden und auch an der frischen Luft nicht dicht an dicht zu stehen wie z.B. bei Demos oder Open-Air-Konzerten.
Noch ein paar Worte zur Triage, die in Schweden versteckt in den Altenheimen stattfinden soll, indem man Erkrankte über 80 angeblich gar nicht mehr in die Kliniken einweisen soll. Ich habe dazu ja schonmal geschrieben, daß es dies nur als eine Art Notfallplan geben konnte. Bei den immer vorhandenen freien Kapazitäten auf den Intensivstationen allerdings gab es dazu nie einen Grund. Was leider passiert ist, daß Pflegepersonal teilweise in vorauseilendem Gehorsam gehandelt hat und dadurch mancherorts ältere Patienten mit Überlebenschancen die Behandlung verwehrt wurde. Was allerdings hier auch passiert: Schon lange vor der aktuellen Corona-Pandemie wurde in Schweden das Einweisen von schwer erkrankten, älteren Menschen restriktiv gehandhabt, und zwar aus folgender Überlegung heraus: Wenn absehbar ist, daß der Patient eine Intensivbehandlung nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit überleben würde, und diese eher unnötiges Leiden verursachen würde, dann sieht man eher von einem Behandlungsversuch "auf Teufel komm raus" ab und ermöglicht dem Patienten einen würdigen Tod. Das klingt aus traditionell-christlicher Sicht erstmal hart, ist aber eine andere ethische Herangehensweise, die durchaus ihre Berechtigung hat.
Hoffentlich denkt Ihr jetzt nicht, ich würde das alles zu sehr auf die leichte Schulter nehmen und nur Schweden verteidigen, weil ich dort freiwillig wohne. Im Gegenteil, es gibt hier noch sehr viel zu tun, vor allem im Gesundheitssystem und in der Pflege. Auch bin ich wohl selbst schon durch mit Covid-19, auch wenn nicht getestet, aber alle Symptome sprachen dafür - es war kein Spaß, ein paar Nächte mit Fieber und Herzrasen aufzuwachen und dann noch wochenlang geschwächt zu sein, immer wieder mit kleinen Rückfällen. Aber, hätte ich dem überhaupt entkommen können, mit Regeln wie in Deutschland vor der Maskenpflicht? Eher nicht.
Ich wünsche diese Krankheit niemandem, und denen unter Euch, die es erwischt hat, daß es Euch nicht hart trifft.
Viele Grüße,
Martin