Danke für die Präzisierung. So kann ich mir viel Tipperei sparen.
Weitpissen geht aber auch besser, wenn keine Gardinen im Wege sind... Ein bisschen Spass muss sein.
Man siehts auch an den Infektionszahlen. Letztens eine eindringliche Warnmeldung in der dt. Tagesschau bei 730 oder so Neuinfektionen an einem Tag. Die Schweiz hat übern Daumen gepeilt einen Zehntel der Einwohner deutschlands, und am gleichen Tag über 110 Neuinfektionen. Das sind fast doppelt so viele wie in D, wenn man das in Relation zur Bevölkerungszahl sieht. Und das war auch schon zu Anfang der Pandemie ähnlich.
Das hat an sich nichts damit zu tun, dass man in CH weniger überreagiert hätte. Man hat z.B. unvernünftig lange aus purer Not behauptet, Schutzmasken brächten kaum was. Hätte man zugegeben, dass es anders ist, wäre man vor dem Problem gestanden, dass man hätte empfehlen müssen, was mangels Verfügbarkeit von Masken nicht umsetzbar gewesen wäre.
Ein brauchbares Krisenmanagement gabs in CH erst, als der Bundesrat die "ausserordentliche Lage" ausrief und damit - ähnlich wie im Kriegsfall - die nötigen Kompetenzen vorübergehend den Kantonen entriss und beim Bundesrat zentralisierte. So bliebs dann während und auch noch nach dem Lockdown.
Man kann vom Föderalismus in der Schweiz jedes Hohelied singen, das man möchte - muss aber unumwunden zugeben, dass er in dieser Pandemie kaum noch kläglicher hätte versagen können. An sich wäre das Gesundheitswesen, und damit auch die Pandemievorsorge, Sache der Kantone. Und die haben auch eine Jahrelange Vorwarnzeit (seit SARS gabs entsprechende Studien) schlicht untätig verstreichen lassen, und waren noch nicht einmal in der Lage, in Eigenregie für eine genügende Versorgung mit Schutzausrüstung und den gängigsten Medikamenten zu sorgen. Aspirin und Panadol (hat noch nicht mal was mit dem Pandemiebedarf zu tun!) waren in den Apotheken der Schweiz während und nach dem Lockdown teils gar nicht verfügbar, und wenn, dann wurde pro Kunde nur eine Packung aufs Mal abgegeben. Für viele andere Standardmedikamente galt dasselbe, und man hatte Glück, wenn noch Generika bestellbar waren. Einfach den Bedarf mitnehmen war eher weniger realistisch...
Die verschiedenen Landesteile waren höchst unterschiedlich von Civid-19 betroffen. Am ärgsten das Tessin. Da gings soweit, dass man über Ostern am Gotthard Autos mit Deutschschweizer Kennzeichen anhielt, und zur Umkehr zu bewegen suchte, bloss, damit nicht noch mehr Last auf die Krankenhäuser im Tessin käme, durch Verkehrs- oder Sportunfälle oder verreiste Corona-Infizierte.
Einige westschweizer Kantone fast ebenso schlimm. Ich erinnere die Waadt und Genf.
Um zu verstehen, warum man die Last in den Krankenhäusern nicht besser ausglich, muss man wissen, wie das schweizer Gesundheitswesen organisiert ist. Spitäler sind Sache der Kantone. Sie decken auch die Defizite. Es kann schon in "Friedenszeiten" schwierig sein, sich ausserkantonal behandeln lassen zu wollen, etwa weil ein bestimmter Eingriff einfach nur woanders öfter und daher in der Tendenz besser gemacht wird. Wer nur die obligatorische Grundversicherung hat - und das sind viele - braucht in solchen Fällen öfter mal vorgängig eine Kostengutsprache der Krankenkasse. Bei entsprechender Diagnose kriegt man die in der Regel recht problemlos. Ohne sowas ist Landesweit lediglich die Notfallversorgung versicherungsmässig garantiert.
Bis so ein schwerfälliger Molloch von Gesundheitswesen in die Gänge kommt, hängt man als Covid-Patient im Zweifel am Beatmungsgerät und ist eben nur noch mit viel Aufwand und Risiko transportfähig.
Hintergrund auch hier: Kantönligeist in Reinform. Der Bund hat im Gesundheitswesen eben nur in der Krise ernstlich was zu sagen, und genau so erklärt sich auch der diletantische, durch wegsehen und ignorieren geprägte Umgang mit solchen Krisenszenarien... Bei den Kantonen hat das etwa den Stellenwert der Luftschutzbunker und Kriegsspitäler, von denen man im Voraus schon immer wusste, dass sie im Ernstfall nie ausreichen würden, und immer hoffnungslos veraltet und unterausgestattet wären. Es richtig zu machen hätte zu viel gekostet. Und der Bund, der mit Armee und Zivilschutz etwas mehr Mittel und Übersicht hätte, hat nichts zu melden, solange nicht die Kacke wirklich am dampfen ist.
Kurz: Man hatte einfach nur Glück, und kann das Eingreifen des Bundesrates in der Schweiz gar nicht hoch genug schätzen. Die Normale Kompetenzordnung, die die Kantone als verantwortlich definiert, ist, das wurde deutlich, in solchen Lagen nicht annähernd adäquat. Auch, weil die entsprechenden Stellen selten genügend Gewicht haben in der Kantonalen Behörden- und Finanzstruktur.