Hallo aus Schweden. Bitte hört doch auf, journalistischen Plattitüden über dieses Land zu viel Glauben zu schenken. Nochmal zur Klärung von Mißverständnissen:
- Es gab hier zeimlich zu Anfang, spätestens im April, Begrenzungen der Versammlungs- und der inländischen Reisefreiheit. Nur wurden die aufgrund des schwedischen Rechtssystems zunächst nicht als Verbote, sondern nur als Empfehlungen ausgesprochen. Dazu bedurfte es keiner aufmuckenden Bevölkerung, und die hielt sich zu großen Teilen freiwillig dran. Die Regelungen bekam die zuständige Behörde, Folkhälsomyndigheten, nach etwas anfänglicher Ratlosigkeit auch alleine hin.
- Die zwei großen Probleme, welche maßgeblich zu den hohen Todeszahlen beigetragen haben, sind im Grunde auf eine dank neoliberaler Auswüchse kaputtgesparte Seniorenversorgung zurückzuführen, in der es an kompetentem Personal fehlt. Problem 1: Hoher Anteil von Pflegekräften, die nicht fest angestellt sind, sondern auf Stundenbasis arbeiten. Die können sich nicht einfach krank schreiben, sondern verlieren ihren Lohn, wenn sie krank zu Hause bleiben. In diesen Einkommensgruppen kann sich das kaum jemand leisten, also wurde auch mit deutlichen Symptomen weitergearbeitet. Noch dazu versorgt eine Pflegekraft 20-30 Personen pro Woche. Die Konsequenzen auf das Infektionsgeschehen kann man sich ausrechnen. Problem 2: Eine Notfall-Strategie, was zu tun sei, wenn Knappheit an Intensivbetten herrschen sollte, wurde von inkompetenten und deshalb verunsicherten Heimleitungen zu oft im vorauseilenden Gehorsam umgesetzt, was dann zu der vielbeschworenen "Triage im Altersheim" führte. Tatsächlich war die Maßnahme nie in Kraft, es wurden und werden auch Covid-19-Patienten in hohem Alter in die Krankenhäuser eingewiesen, solange eine realistische Chance auf Genesung besteht.
- Große Unterschiede zu den Regeln in Deutschland sind: Es werden kaum Masken getragen, die Schulen bis zur 9. Klasse waren immer geöffnet, Quarantänepflichten für Reisende gab es nicht (wohl aber für positiv Getestete!). Ansonsten lief vieles wirklich sehr ähnlich.
Die Stimmung ist zwar etwas gedämpft, man ist sich der Gefahren bewußt, aber man trifft kaum jemanden an, der in Panik verfällt oder sich seiner Menschenrechte beraubt fühlt. Auch Klopapier ist noch keine Mangelware. Insgesamt versuchen die meisten, sich und andere einigermaßen zu schützen. Bis auf ein paar uneinsichtige Partygänger, wegen derer jetzt die Nachtclubs erstmal geschlossen wurden, weil man da mit Appellen an die Vernunft nicht weiter kam.
Die Inzidenz steigt hier zur Zeit ziemlich ähnlich wie in Deutschland. Erstaunlich dabei ist, daß die Zahl der Toten aus unerklärlichen Gründen auf niedrigem Niveau konstant bleibt: https://www.worldometers.info/coronavirus/country/sweden/
Das gibt es so zur Zeit in keinem anderen Land, das sich auch in der zweiten Welle befindet. Ich hoffe sehr, daß es wirklich daran liegt, daß die seit Juni-Juli verbesserten Schutzmaßnahmen für Risikogruppen genau an der richtigen Stelle ansetzen.
Paßt auf Euch auf, denn auch der "milde Verlauf" ist nicht lustig!
Martin