Vielleicht hilft es ja, mal auf Abstand zu gehen. Wir setzen uns also mal ganz ruhig in den Lieblingssessel in der warmen Stube, gönnen uns eine Tasse Tee mit 2 Stück Zucker, nehmen genüsslich erstmal ein, zwei Schluck davon, und stellen uns vor, wir wären geimpft und hätten die akute Pandemie hinter uns, der Kühlschrank wäre mit allem gefüllt, was wir brauchen und wir könnten uns einen durchaus kritischen Blick zurück erlauben, auf das eben erlebte.
Wir würden uns qua Abstand vielleicht nicht nur mit Corona beschäftigen. Nach der Pandemie ist ja vor der Pandemie. Die Gefahr besteht ja wohl permanent, und verwirklicht sich alle paar Jahre mal, wenn auch nicht immer gleich Weltweit.
Wir kämen dann zu der Frage, warum wir eine Armee mit allem drum und dran vorhalten können, die man, wenns dumm läuft, zweimal pro Jahrhundert wirklich notwendig braucht, es aber nicht schaffen, einen ähnlichen Vorsorgestand für andere Katastrophenfälle zu erreichen, die uns sogar häufiger treffen.
Das führte uns dann als erstes zu der Erkenntnis, dass der Katastrophenschutz generell einen viel geringeren Stellenwert hat, als er es haben müsste, so mal rein nach statistischer Eintretenswahrscheinlichkeit. Das betrifft vermutungsweise nicht nur den Pandemiefall, sondern auch Schneefall, Überflutungen, Stromausfall oder was auch immer.
Postulat daraus an die Politik: Katastrophenschutz ist kein Planspiel. Das passiert wirklich, mit einer bestimmbaren Wahrscheinlichkeit, und in vielen Fällen mehrmals pro durchschnittliche Lebensspanne. Vorbereitung lohnt sich entsprechend mehr, als bisher erkannt. Das ist mehr Geld wert.
Dann: Wenn klar ist, dass Katastrophenschutz wichtig ist, braucht der ein Konzept. Das ist noch keine Detailplanung. Es muss nur klar sein, wer dafür zuständig ist, und wie man sich – rein organisatorisch-systematisch vorbereiten könnte.
Dann kommt man drauf, dass es mehrere mögliche Vorgehensweisen gibt. Man kann den bestehenden Blaulichtorganisationen zum Beispiel Aufgaben zuweisen. Pandemie macht das Gesundheitswesen, Feuer löscht die Feuerwehr, Wasser hält das THW ab. Strom… ja, wer eigentlich da?
Oder man kann einzelne Notfallarten definieren, und für jede Art ein Kapitel in einem Ordner vorsehen, den man dann bis unten hin in jedem betroffenen Büro hinstellt.
Oder man kann sagen, man definiert Infrastruktur, die gewisse Szenarien beherrschen muss. Dann sagt man beispielsweise: Jedes Krankenhaus muss Notstrom für 48h haben. Jede Feuerwache muss ebenfalls sowas haben. Das Telefonnetz muss bei Stromausfall so und so lange weiter funktionieren (das war früher selbstverständlich, heute nicht mehr)
Oder man sagt eben, so und so viele IPS-Betten (sinnvollerweise samt Personal) wollen wir pro hunderttausend Einwohner haben.
Oder man könnte sagen, dass bestimmte Arzneimittel bevorratet werden. Oder man bevorratet so und so viel Schutzausrüstung. Oder man regelt, wer im Pandemiefall dafür zuständig ist, Infrastruktur aufzubauen, etwa für den Medizinbedarf. Wer kann zum Beispiel eine Fabrik für Medikamente, Impfstoff, Beatmungsgeräte, Schutzmaterial bei Bedarf per Express hinstellen, um mit dem Instrument von Zwangslizenzen überhaupt was anfangen zu können? Das kann man vor einer Katastrophe organisiseren, auch wenn noch nicht klar ist, was man dann brauchen wird. Man kann Mittel und Zuständigkeiten vorab bereitstellen. Etwa, damit so simple Dinge wie Personal für die Kontaktverfolgung bereit gestellt werden kann. Oder, damit man schon mal ein Chemiewerk einkaufen kann, wenn absehbar ein Medikament gefunden würde. Oder eine Distille, um wenigstens genug Desinfektionsmittel zu haben, zumindest nach einem Monat oder so…
Jedenfalls: Man kann sowas im Voraus systematisch angehen. Vielleicht kommt man dann drauf, dass vieles richtig gemacht wurde. Mit Sicherheit stösst man auf Dinge, die man so nicht wiederholen wollen wird.
Vielleicht kommt man zum Schluss: Wir haben überreagiert. Vielleicht aber auch nicht, weil man nicht 20% der Bevölkerung sagen möchte, dass ihr Schutz nachrangig sei.
Vielleicht kommt man drauf, dass man in den Katastrophenplan reinschreiben muss, dass Schnelltests, so denn verfügbar, unter der und der Kostenstelle vom Staat bezahlt werden, damit das schonmal kein Hinderungsgrund ist, einen Test anzubieten oder zu machen.
Vielleicht kommt man drauf, dass man THW oder Armee oder was auch immer um eine Pandemieeinheit ergänzt. Die kriegen den Schlüssel zu den Medizinbedarfsdepots und werden dafür ausgebildet, wie man Abstriche macht, wie man Spritzen verabreicht, Blutproben nimmt, und üben keinen medizinischen Beruf aus. Dann werden die im Pandemiefall nämlich nicht im Krankenhaus gebraucht, sondern können in Testzentren, Altersheimen oder Impfzentren eingesetzt werden, für Routinekram, der dann massenhaft zu erwarten ist, und für den eine kurze Instruktion an sich reicht, allenfalls mit einem Mediziner auf ein grösseres Team als Ansprechpartner. Vielleicht klappts dann wenigstens beim Nächsten Mal mit dem Schutz der Risikogruppen besser.
Vielleicht hat man dann ja verschlüsselte Videokonferenzsoftware (inkl. Schnellstartanleitung) da, und auch schon eine Liste mit Firmen, die sich mit call centern auskennen. Sowas kann bei verschiedensten Notfällen hilfreich sein.
Vielleicht schafft man dann auch die Rechtsgrundlagen für ein wirksames contact tracing. Darf ja dann ruhig auch eine Datensparsame, dezentrale Lösung sein. Vielleicht wärs aber gut, man hielte den Datenschutz nicht als heilige Kuh, während man die Leute deswegen einsperren muss…? Sprich, das muss halt so flexibel sein, dass ein Nutzen hinten raus kommt.
Vielleicht stellt man dann ja auch eine Software bereit, die etwa Wirte für die Kontaktregistrierung nutzen können. Man kann das soweit Treiben, dass die nur noch auf jedem Tisch einen QR-Code auslegen müssen… und vielleicht ergibt sich dann irgendwann, wenns ne digitale ID gibt, ja auch noch die Möglichkeit, das damit zu verknüpfen, damit es wenigstens ein paar Donald Ducks und Captain Nemo´s weniger gibt dabei.
Vielleicht kommt man drauf, dass ein paar Rollen Maskenstoff und die Maschine dazu, gut eingemottet und eingeschweisst, doch noch in irgend ein Zeughaus passen würden.
Vielleicht kommt man auch drauf, dass, man weiss ja nie, es einen Zuschuss für versatile Kommunalfahrzeuge gibt, wenn man dazu auch einen Schneepflug anschafft.
Vielleicht kommt man drauf, dass der Zivilschutz (fast sowas wie das THW in CH, nur weniger ernst genommen) doch nicht ausschliesslich mit den >20jährigen, abgelegten Pumpen der Feuerwehr vorlieb nehmen muss.
Vielleicht kommt man drauf, dass in jeder Stadt mit >10`000 Einwohnern eine Tankstelle mit Notstrom oder Handpumpe ausgestattet werden muss, notfalls auf Staatskosten, weil das einfach billiger ist, als im Fall eines Falles keinen Diesel für Krankenhaus & Co nachliefern zu können.
Etc. pp.
Und vielleicht fällt einem dann ja auch was ein, was aktuell weiterhilft. Beispielsweise, wer wann was wieder darf. Wer wofür haftet, wer wo anruft, um mehr Imfpstoff herzustellen und was das kosten darf etc.
Vielleicht ist dann auch von vornherein klar, dass man nicht den Staat in Frage stellt, weil der es wagt, Naturgewalten nicht festbinden zu können.