Hallo zusammen!
Vorneweg: Auch wenn ich hier die "einsame Gegenposition" vertrete, finde ich das hier bis jetzt eine konstruktive und sachliche Diskussion - natürlich mit subjektiven Meinungen, aber das ist ja Sinn eines Forums.
Aber bei aller Liebe zu alten Autos im Allgemeinen und alten Citroens - insbesondere Xantiae - im Speziellen: Auch unter der Berücksichtigung der Tatsache, dass wir hier in einem Youngtimer-Forum sind, finde ich ein paar Kommentare bemerkenswert.
Da sind zum einen diejenigen, die den Xantia auch heute noch für den absoluten Gipfel des Automobilbaus halten - in allen Aspekten - und danach kam dann leider nichts mehr. Die Meinung kann man vertreten - oder es halt wie ich auch ganz anders sehen. Der Xantia war und ist ein sehr schönes Auto - m.E. aber heute technisch vollkommen überholt und von vor-vorgestern. Dies gilt insbesondere für die passive Sicherheit, bei der sich extrem viel getan hat - und die leider sehr schwere Fahrzeuge nach sich gezogen hat. Diese Diskussion hier erinnert mich manchmal an andere sog. "Bestätigungsblasen" in sozialen Netzwerken - da dringt die Realität anscheinend auch nicht immer durch.
Dann gibt es die Vertreter „mehr brauche ich nicht“ - "mehr will ich nicht" . Auch OK - auch das ist die Entscheidung jedes Einzelnen. Für mich bei meinen Fahrleistungen ist das leider nichts. Zum einen mag ich einfach moderne luxuriöse und vor allem sichere Autos und zum anderen bin ich auf das Auto angewiesen. Im Fall der Fälle bekomme ich von der Leasing ein Ersatzauto (was ich bisher nur bei Windschutzscheibenreparaturen und normalen Inspektionsterminen in Anspruch nehmen musste.)
Dann gibt es diejenigen, die mit dem Activa irgendwo einen Porsche abgehängt haben. Stimmt sicher. Die Frage ist, warum der Porsche so langsam war. Weil der Fahrer einfach langsam fahren wollte und kein Rennen? Weil er nicht fahren konnte? Weil er vorsichtig ist? Weil das Auto so schlecht ist? Weil der Xantia das beste Auto der Welt ist? Weil der Xantia-Fahrer der beste Autofahrer der Welt ist?
Konkretes Beispiel: Wir haben ein E93 BMW 335i Cabrio, mit dem wir gerne an die Oberitalienischen Seen fahren. Mir ist es auf den schmalen Sträßchen oberhalb des Comer Sees oder des Gardasees schon ein paar mal passiert, daß mich eine alte Oma mit Lockenwicklern im grauen Haar mit einem uralten 34PS Panda 4x4 überholt und abgehängt hat. Das ist m.E. logisch, denn die Dame kennt die Strecke im Gegensatz zu mir in aus auswendig und fährt sie vermutlich jeden Tag zum Bäcker in halsbrecherischem Tempo. Das Auto ist fast einen Meter schmaler und deutlich wendiger. Und ich habe ehrlich gesagt keine Lust darauf, unserer Cabrio in Italien in eine Mauer zu semmeln oder schlimmeres. Was sagt das dann über den E93 als Fahrzeug im Vergleich zum Panda 4x4 aus? Und über mich als Fahrer im Vergleich zu der Oma mit Lockenwicklern?
Ja - und dann die Qualität und Zuverlässigkeit der deutschen Premiumfahrzeuge. Ganz schlimm! Da ist „der Freund meines Schwippschwagers - dem seine Nichte, der ihr Freund hatte mal einen Audi A3 und der mußte ganz oft in die Werkstatt. Eieiei... ganz schlimm".
Klar - unsere alten Citroens haben niemals etwas, fahren immer ganz problemlos und sind zu 150% zuverlässig "stets zu unserer vollsten Zufriedenheit". Das sieht man sehr deutlich im technischen Forum "XM, Xantia, BX" - auch 20 Jahre zurück. Keine Probleme, keine technischen Fragen. Keine Anekdoten über mangelnde Qualität, Konstruktionsfehler oder Pannen bei Citroen? 😇 Und es hat auch noch niemand von Qualitätsproblemen oder gar Rost bei sonstigen französischen Autos gehört?
Ich gebe zu, der Vergleich F10 BMW 520d ist sehr unfair, weil in einer ganz anderen Fahrzeugklasse als der Xantia. Den "unmöglichen Vergleichstest" habe ich damals gemacht, weil ich an einem Tag mit beiden Autos eine sehr große Strecke runtergespult habe und weil beide 190PS haben - aber der Vergleich war eben dann doch "unmöglich". Im Ernst: Meine BMW 520d waren einfach sehr sehr gute Autos. Ich fahre die deutschen Premium-Kisten ja jeden Tag und habe den Vergleich mit zwei Xantiae. Es liegen meines Erachtens wirklich Lichtjahre dazwischen - beim Komfort, bei der Effizienz, bei der Sicherheit und ja, auch bei der Zuverlässigkeit.
Beispiel:
1. F10 520d Schalter von 2010 bis 2013: 162tkm, drei außerplanmäßige Werkstattaufenthalte wg. zwei Steinschlägen in der Windschutzscheibe und einem Platten
2. F10 520d Automatik von 2013 bis 2016: 155 tkm, drei Windschutzscheiben, eine defekte Sitzheizung Fahrersitzfläche (Garantie)
3. F10 520dX Automatik, Allrad: 2016 bis 2020, 198 tkm: Eine Windschutzscheibe, sonst nix
Leasing-Rückläufer mit hohen km werden in Deutschland en bloc im Rahmen von Auktionen zumeist nach Russland verscherbelt - die sieht der deutsche Markt garnicht. Die Fahrzeuge 1-3 machen ihren Besitzern irgendwo in Jekaterinenburg oder Sotchi sehr wahrscheinlich heute noch jede Menge Spaß. EDIT: Der Verbrauch lag im Schnitt bei 6l/100km - für eine schwere Limousine m.E. ein guter Wert.
4. Besagter BMW E93 335i von oben: 2012 bis heute, ca. 150 tkm: Eine Wasserpumpe (Kulanz, sonst sehr teuer, weil elektrisch), ein gerissener Ausgleichbehälter (Gab es beim Xantia V6 ja niemals!) ca. 150€, eine Ventildeckeldichtung, auch 150€. Thats it - meines Erachtens keine schlechte Bilanz für 150tkm in 9 Jahren.
5. Es geht natürlich auch anders: Der Vorgänger war ein E93 325i, den wir als JW 2010 gekauft und 2012 abgestoßen haben. Bei dem war wirklich das volle Programm: Probleme mit dem Klappdach, dem Sportfahrwerk, der Kupplung, den Inkektoren. Montagsauto - aber alles auf Garantie bzw. Kulanz.
Apropos Montagsauto: Unserer Xantia X2 HDI fiel wohl auch in die Kategorie: Blinkerhebel, Einspritzpumpe, Injektoren, Zuheizer, das volle Programm (allerdings auch auf Garantie, wenn ich mich recht erinnere).
Versteht mich bitte nicht falsch: Laßt uns alle Spaß an unseren alten Citroens haben - aber laßt uns bitte auch realistisch sein - es sind alte Autos, die, wenn wir sie weiter gut pflegen, hoffentlich noch lange Jahre vor sich haben. Sie müssen sich m.E. auch nicht gegen seelenlose Neuwagen behaupten und sportliche Höchstleistungen bringen (siehe Eingangspost) - das haben die Xantiae als Klassiker doch garnicht nötig.
Denn darin sind wir uns alle einig (auch ich): Die heutigen Autos wird es in 25 Jahren vermutlich nicht mehr geben. Dazu sind es einfach zu sehr rollende Computer. Ich habe noch meine ersten Computer, einen Commodore 64 und einen Atari Mega ST - aber die Pentium PCs danach sind alle auf dem Elektronikschrott gelandet. Und da werden auch praktisch alle heutigen Fahrzeuge landen.
LG
Ralf