Mal ganz davon abgesehen, wie wenig Wahrheit da nun in dem Vortrag - den Du sicher nicht selber schrubst, denn dafür ist der Text zu fehlerfrei - steckt: Das Problem ist nicht, dass die Leute nicht mehr wissen, wie kritischer Journalismus funktioniert. Das Problem ist, dass die, deren Beruf und Berufung das sein sollte, nämlich Journalisten selber, nicht mehr wissen wie das funktioniert, und immer öfter hab ich den Eindruck, auch gar nicht mehr wissen, was das ist.
Das ist schade, denn so wird aus einstigem Qualitätsjournalismus nur noch Gewäsch, das man binnen einiger Sekunden auch ohne Zeitung oder Fernsehen fände, kennte man nur die richtigen zwei, drei Schlagwörter.
Von denen, die in einer Talkrunde oder einem Interview nur das hören, was sie hören wollen, und ihre Gegenüber samt dem Publikum dann dreimal mit der gleichen Frage und Nachfrage nerven beleidigen, bloss weil sie sich nicht trauen, auf die sehr wohl gegebene, aber nicht in ihrem Sinne ausgefallene, Antwort einzugehen, rede ich da noch gar nicht.
Markus Lanz gehört zu der Sorte. Wenn der auf einen Scholz oder Kühnast trifft, dann wirds peinlich und langweilig; dann hat er auf einmal einen Kratzer auf der Platte. Muss wohl daran liegen, dass er - ich denke nur laut - seinem ganzen Auftreten nach eher einer aus einem FDP-nahen Thinktank sein dürfte... Jedenfalls kanns an der falschen Freimaurerloge nicht liegen. Den Freimaurern gehts nämlich, nach dem wenigen glaubwürdigen, was man über die weiss, eher um die Weiterentwicklung der Mitglieder im positiven Sinne.
Dass wir uns recht verstehen: Ich mag die roten auch nicht immer. Es lohnt sich trotzdem, denen zuzuhören, und nicht nur dem eigenen, vorgefertigten Plott zu folgen, und seis auch nur, weil die nicht immer unrecht haben und in den übrigen Fällen der bürgerliche Anstand zumindest Zurückhaltung gebietet, bis sich die Lippen der Gegenüber nicht mehr bewegen.
Zurück zu Corona: Wer sich wirklich mit dem Thema befasst hat in den letzten zwei Jahren, kennt die Entwicklung und den Stand der Wissenschaft dazu, und zwar mittlerweilen wohl auch dann, wenn er anfangs oder zwischendurch mal den digitalen Netzwerken - sozial ist da rein gar nichts, nicht im Geringsten! - auf den Leim gegangen sein sollte. Das Problem ist nur, dass es damit in den letzten Monaten nicht leichter wurde, rational zu begründen, warum man sich nicht impfen lassen möchte, weshalb es ein gut Teil der Gesellschaft vorzieht, sich auf eine Mischung aus Unwissen, schon von Anfang an falschen, sowie veralteten Argumenten zurückzuziehen. Anderes kommt bei solchen Menschen - man möchte sagen leider - nicht an. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, um ihren Standpunkt nicht zu gefährden. - Wo doch jeder weiss, dass Diskussionen sowieso nur sinnvoll sind, wo Standpunkte auch mal - seis nur vorübergehend - gewechselt werden.
Mag ja stimmen, dass es durchaus auf die Ansprache, auf den Tonfall, die Art ankommt, was geht. Nur ist auch all diese Lebensmüh' vergebens, wenn man es mit Leuten zu tun hat, die ihre Entscheidung getroffen haben, und weder je gelernt, mit Dissens umzugehen, noch gewillt sind, aus ihrem Standpunkt wenigstens mal versuchsweise einen Horizont machen zu wollen.
Was soll man denn bitte Erwarten, wenn Umfragen - die meinetwegen auch von unzweifelhaft schlechter Qualität sein mögen - ergeben, dass sich von den Ungeimpften, die noch übrig sind, bloss noch 2 oder 3% (die sich aber Vermutlich auf die Gesamtzahl der Befragten beziehen) überhaupt noch die Chance geben, es sich nochmal anders zu überlegen? So eine Umfrage ging letzte Woche durch die Nachrichtensendungen...
Da kann man dann eigentlich nur noch kapitulieren. Man kann schliesslich keinen Überzeugen, der kategorisch ausschliesst, überhaupt noch nachdenken zu wollen.
Da spielt dann der Zustand sogenannt kritischer Journalisten auch keine wesentliche Rolle mehr. Zumal Journalisten, ob sie sich nun für kritisch halten oder es sogar sind, ohnehin dazu neigen, ihr Publikum masslos zu unterschätzen, was dessen geistige Kapazität angeht, und dafür in der Anzahl um mehrere Grössenordnungen zu überschätzen.
Das Publikum ist nicht der Flaschenhals. Die, welche den darstellen würden, gucken lieber Big Brother statt Informationssendungen. Wenn schon die Art der Ansprache kritisiert wird, wäre da mal journalistische Selbstkritik angebracht; es hilft schliesslich nicht, das Inhaltliche sowie sprachliche Niveau an ein Publikum anzupassen, welches man nicht erreicht, weil die sich nicht mal für das Genre interessieren, geschwiegen für das einzelne Thema.