So langsam verbreitet sich die grausame Wahrheit über das, was in der Ukraine passiert, auch in Russland. In der Ukraine sterben hunderte, vermutlich sogar tausende junge russische Soldaten. Die "spezielle Militäroperation" wird zum tödlichen Krieg.
Heute gab die russische Senatorin Lyudmila Narusova im russischen Förderationsrat folgende Erklärung ab:
"Gestern wurden die Wehrpflichtigen, die zur Vertragsunterzeichnung gezwungen oder die andere für sie unterschrieben haben, aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine abgezogen. Aber von einer Kompanie von hundert Mann sind nur noch vier am Leben geblieben."
Was meint die "Vertragsunterzeichnung"? Die Wehrpflicht dauert in Russland eigentlich zwölf Monate. Doch schon vorher können die Rekruten ihren Dienst verlängern und einen Vertrag als Zeitsoldat über zwei Jahre unterschreiben. Dieser Vertrag ist Voraussetzung dafür, dass die Soldaten bei Militäroperationen eingesetzt werden dürfen. Viele junge Soldaten werden in diese Verträge per Zwangsdienst gezwungen (sie müssen z.B. so lange schwere Arbeit leisten, bis sie unterschreiben) und ihnen wird ein Extrabonus von 27.000 Rubel (aktuell knapp 200 Euro) versprochen, wenn sie unterschreiben.
Dass viele dieser "2-Jahres-Soldaten" nicht einmal die Grundausbildung abgeschlossen haben, war für die Befehlshaber der Roten Armee kein Hindernis, besonders diese Soldaten zuerst in die Übungen nach Belarus und nach Südrussland zu schicken und von dort in den Krieg in die Ukraine. Hier wurden sie in den letzten acht Tagen regelrecht verheizt. Militärexperten schließen hieraus, warum so viele Soldaten bei ihrer Gefangennahme in der Ukraine berichten, dass sie davon ausgegangen seien, sie nähmen nur an einer Übung teil. Der geplante Krieg wurde vor ihnen geheimgehalten. Insgesamt, so Militärberichte, bestand mindestens die Hälfte der an der ukrainischen Grenze zusammengezogenen russischen Einheiten aus den "2-Jahres-Soldaten".
Diese Tatsache und auch die verzweifelten Anrufe von Müttern, die seit Mitte Februar nichts mehr von ihren Söhnen hören, dokumentieren die verschiedenen "Komitees der Soldatenmütter" in vielen Städten Russlands. Sie sind entstanden aus der Erfahrung eines anderen Krieges, als die damals noch sowjetische Führung vor ihrer Bevölkerung den Tod der Soldaten so lange wie möglich geheimhalten wollte. Irgendwann ging es nicht mehr, es kamen zu viele Särge nach Hause. Es war der Krieg gegen Afghanistan. Das Angebot der Ukraine aus der ersten Verhandlungsrunde am Montag, dass über internationale Hilfsorganisationen die Leichen russischer Soldaten in die Heimat zurückgebracht werden können, lehnt Russland bis heute ab.
Zuerst hatte am Montag die Zeitung „Nowaja Gaseta“ (https://novayagazeta.ru/articles/2022/02/28/mama-ia-tebia-liubliu-esli-budet-pokhoronka-ne-ver-srazu) über die Schicksale junger russischer Soldaten berichtet, vor zwei Tagen intervewte der russische Sender Dozhd Mütter, die sich an die Komitees der Soldatenmütter gewendet hatten. Dort sind mittlerweile hunderte Suchanfragen eingegangen.
Der Sender Dozhd darf inzwischen nicht mehr senden, Nowaja Gaseta wurde die Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine verboten. Heute wurde weiter ein Gesetz verabschiedet, welches die "falsche" Berichterstattung über "Militäroperationen" mit Gefängnisstrafen bis zu 15 Jahren belegt. Das Statement von Lyudmila Narusova ist heute zumindest für einen Moment auf dem Livestream des Förderationsrates gewesen und wanderte von dort in die sozialen Medien. Aber auch die sind in Russland nur noch begrenzt erreichbar.
Putin hat Angst vor der Wahrheit, die jetzt jeden Tag in Russland mehr ans Licht kommt. Denn sie zeigt, was Tatsache ist: Er hat seine Bevölkerung belogen und auch die Menschen, die er jetzt in den Tod schickt.
Der verbreiteste Slogan bei den (noch wenigen) Demonstrationen in Russland ist neben "Keinen Krieg!" ein Satz: "Putin ist ein Dieb." Er hat Russland die Wahrheit gestohlen.
Mehr Informationen zur "Vertragsunterzeichnung" und der Arbeit des Moskauer „Komitees der Soldatenmütter“: https://www.rnd.de/politik/krieg-in-der-ukraine-wie-putin-junge-russen-an-der-front-verheizt-TIOAKLTIWFB3VFZFTVPTIYPMFI.html
Quelle des Videos: https://twitter.com/nexta_tv/status/1499763642170019846
Die Union der Komitees der Soldatenmütter Russlands besteht aus ca. 200 Büros in verschiedenen Städten und Regionen Russlands. Die Zentrale in St. Petersburg wurde 2015 als "ausländischer Agent" gekennzeichnet. Bisher wurden die Komitees aber nicht verboten, nur ihr öffentlicher Auftritt im Internet wird systematisch behindert.
Lyudmila Narusova ist die Witwe des früheren Bürgermeisters St. Petersburgs Anatoly Sobchak, der als politischer Ziehvater Wladimir Putins gilt. Ihre Tochter Xenja Sobchak gilt heute als (noch moderate) Kritikerin Putins, sie trat 2018 gegen ihn an.