Substanzlos ist das nicht. Radikaler Pazifismus ist ein möglicher Weg. Zudröhn hat nur keine Argumente, die Leute (weder die in der Ukraine noch anderswo in Europa) davon zu überzeugen, dass es irgendwie besser sei, russisch zu werden und dann zu sterben oder umgekehrt, als es ist, dafür zu Sterben, dass man sich für Freiheit und Demokratie einsetzt.
Radikaler Pazifismus ist das, was (anständige) Kirchenleute jeder Gewalt entgegenstellen; in Verachtung des eigenen Lebens, in Gleichgültigkeit gegenüber jeder Zukunft, solange es eine irdische ist. Das zu leben ist das eine. Anderen aufzuwingen, das zu leben, ist etwas anderes. Und dies andere folgt der gleichen Logik, wie das, was Putin tut. Einer Logik, in der Selbstbestimmung und Freiheit, und seis nur die Freiheit zur eigenen Entscheidung nicht vorkommen. Eine Logik, die zudem, und da geht sie weiter als Putin, nicht an irdische Gerechtigkeit und somit auch an kein Recht überhaupt glaubt. Das nämlich wäre ja ein Grund, der Zukunft eben nicht gleichgültig gegenüberzustehen, so weit gehend, dass man es von vorn herein anderen überlässt, ob es sie überhaupt geben kann, und falls es eine gibt, wie die aussehen soll.
Das Widersprüchliche an einer solchen Einstellung ist, dass auf die Art die gewinnen, die sich eben nicht von radikalen Pazifisten sagen lassen, was sie zu lassen haben und woran sie gefälligst nicht zu glauben haben, und es dann die, und eben keine Pazifisten sind, die am Ende übrig bleiben und die Zukunft dann eben alles andere als Pazifistisch gestalten.
Pazifismus ist gut. Er ist aber nur da ein taugliches Konzept, wo bereits Frieden herrscht. Mit anderen Worten: Pazifismus kann Frieden erhalten. Er kann ihn aber nicht schaffen, solange es auch nur einen gibt, der kein Pazifist ist.
Solange kein Frieden herrscht, läuft radikaler Pazifismus auf Kapitualtion heraus, und führt bestenfalls zu einer Neuauflage der berühmten pax romana. Allerdings, die basierte immerhin auf einer kulturellen und technischen sowie wirtschaftlichen Überlegenheit des antiken Roms, so dass es vernünftige Argumente gab, sich mehr oder minder freiwillig - wenn auch unter latenter Kriegsandrohung - den Römern anzuschliessen.
Eine Neuauflage als pax russiana hätte nicht eines dieser Argumente zu ihren Gunsten.
Es ist im Gegenteil so, dass Europa mit seinem Frieden, offenen Grenzen, freiem Handel und einer perspektive der Verständigung der beteiligten Nationen sowie gemeinsamen Beistandes, wenn auch nicht im millitärischen Bereich, diese Strahlkraft des Friedens und der Blüte auf die Ukraine hat, und eben auch auf andere Staaten, und dass Putin erkannt hat, dass er dem ausser seiner Armee und seinen Atomwaffen rein gar nichts entgegenstellen kann, was auch nur irgendwen überzeugen könnte.
Daher ist radikaler Pazifismus aus der Sicht Europas keine Option, denn sie würde die Unterwerfung unter Putins Russland bedeuten, und damit den Verlust jeder Demokratischen Errungenschaft, den Verlust jeglicher Grundrechte, inklusive des Rechts auch nur auf die nackte Existenz, den Verzicht auf wirtschaftliche Prosperität, den Verzicht auf Souveränität, den Verzicht auf kulturelles Ansehen, den Verzicht auf Freiheit generell.
Damit ist auch gesagt, wofür es sich zu kämpfen lohnt.