Wie Putin Europas Kornkammer zerbombt :
Minen, Plünderungen, Beschuss: Russische Truppen legen die Landwirtschaft in der Ukraine lahm. So treibt Putin nicht nur Bauern in den Ruin, sondern den Getreidepreis weltweit in die Höhe.
Russen hinterlassen international geächtete Minen:
Eine Milchfarm mit 1.000 Kühen und 120.000 Hektar Land besitzt Alexander Lissitsa in der Nordukraine.
Wochenlang mussten sich Lissitsas Mitarbeiter in Kellern verstecken. Die Felder wurden nicht gedüngt, die Kühe kaum versorgt, die veterinärmedizinische Versorgung fiel aus. Inzwischen sind die russischen Truppen abgezogen, die Gefechte haben sich in den Osten und Süden des Landes verlagert. Doch an eine Rückkehr zur Normalität ist in dem Betrieb nicht zu denken, denn Putins Truppen haben auf vielen Feldern Minen hinterlassen. Perfide Waffen, die noch Tage und Wochen nach dem Abzug des Feindes Zivilisten töten und verstümmeln, mit dem Ziel, den Wiederaufbau zu verzögern. Verwendet werden nach Recherchen von Human Rights Watch (HRW) unter anderem der neu entwickelte Typ POM-3, Springminen aus russischer Produktion. Sie erkennen über Sensoren sich nähernde Personen, schleudern eine Sprengladung in die Luft und töten und verletzen durch Metallsplitter in einem Radius von 16 Metern. HRW bezeichnet sie als "tödliches Erbe" für die Regionen, in denen sie ausgelegt werden – auf Jahre. Für Landwirt Lissitsa haben sie betriebswirtschaftlich gravierende Folgen: "20.000 Hektar unserer Fläche fallen für den Anbau weg – die müssen jetzt entmint werden."
Ausmaß der Plünderungen ist gewaltig:
Die russischen Truppen legen die ukrainische Landwirtschaft in vielen Teilen des Landes lahm: Im Süden des Landes häufen sich seit Tagen Berichte, dass Putins Truppen Landmaschinen und Getreide stehlen und in Lastwagen nach Russland transportieren. Immer häufiger sollen in besetzten Gebieten wie Cherson und Saporischschja Getreidespeicher geplündert oder beschossen worden sein.
Der Bürgermeister von Melitopol beklagte im Gespräch mit dem US-Sender CNN, dass sich russische Soldaten "wie Kriminelle in den 90er-Jahren" verhielten. "Zuerst bieten sie an, Getreide zu einem lächerlich niedrigen Preis zu kaufen, aber wenn du nicht zustimmst, nehmen sie dir alles weg", sagte er. "Das Ausmaß der Plünderungen ist gewaltig."
Die UN-Agrarorganisation schätzt die Berichte als glaubwürdig ein, teilte sie am Freitag mit. Es gebe glaubhafte Berichte und anekdotische Beweise, dass russische Streitkräfte Getreide sowie Agrargeräte stehlen, mit Lastwagen nach Russland schaffen und Lagerhäuser zerstören. Rund 700.000 Tonnen Getreide seien verschwunden.
Experte: Putins Krieg schaltet Hauptkonkurrenten aus:
Putin profitiert von den Attacken auf die ukrainische Landwirtschaft gleich zweifach: im Krieg und auf dem Weltmarkt. Denn liegt die angegriffene Ukraine mit neun Prozent Anteil am weltweiten Export von Weizen und Mehl unter den Top 7 auf der Länderliste, belegt Aggressor Russland Platz eins. Auf 29 Millionen Hektar wird in Russland Weizen angebaut – das ist mehr als in der gesamten Europäischen Union.
"Es ist ein Nebeneffekt des Krieges, dass Russland einen seiner Hauptkonkurrenten auf dem Getreidemarkt loswird und eine stärkere Marktposition bekommt", sagt Sebastian Lakner, Professor für Agrarökonomie an der Universität Roststock. Durch Handelsrestriktionen könne der russische Präsident das Angebot auf dem Weltmarkt so künstlich verknappen, den Preis im Ausland in die Höhe treiben, im eigenen Land aber niedrig halten.
Eine Beschränkung des Exports von Weizen, Roggen, Gerste, Mais und Mischgetreide bis Ende Juni hat Russland bereits vor Wochen bekannt gegeben. "Der hohe Getreidepreis weltweit geht gerade auf einen einzigen Spekulanten zurück: Wladimir Putin", so Lakner.