Gefallen hat mir, dass mich die junge Frau ansprach und ich endlich dahinter kam, wieso ihr alter Honda mit dem auffallenden Mol-Kennzeichen immer in der Nähe der Haustür einen Parkplatz findet. Ihr Mann rackert auf einer Schule, sie studiert noch und kommt immer gegen Mittag, wenn es noch reichlich frei Plätze gibt.
Zu meiner siebenjährigen Fernreisezeit von 1999-2006 lernte ich die Straße als den Kommunikationsort schlechthin kennen. In unseren Breiten verstummten selbst die Gassen und hauern schon lange nicht mehr. Autos dort zu reparieren ist ein Gegenmittel. Ein Kolumbianer in unserer Nachbarschaft öffnet seine Garage, die voller schöner alter Dinge von oft undurchsichtigem Verwendungszweck sind. Im Hintergrund tänzelt Tangomusik. Das löst die Lippen, wie es auch der mit vollen Hippielocken bestückte smarte Russe von nicht zu taxierendem Alter in Neukölln schafft (beobachtet über Pfingsten, gemütlich beim Bier mit meinen zwei Kindern), der ein simples Späti (Kiosk) in ein Antiquariat und Debattierclub metamorphisierte, in dem über linksexistentialistische und altkommunistische Themen auf russisch, deutsch und vor allem in englischem Amerikanisch diskutiert wird. Dazu setzen sich Schachspieler auf Indianerart auf den nackten Asphalt und brüten über Zugfolgen. Schönen Frauen hinterlässt er ausgesprochen liebevoll gestaltete Visitenkarten mit nichts Geschriebenem außer seinem Vornamen und seiner Handynummer, die das Versprechen enthalten, jedes gewünschte Buch zu besorgen. Was für eine Masche!
Mein Sohn hat seine Frau vorgeschickt. Er hat die gleichen Gene wie ich, will dahinterkommen, was man sieht, aber nicht begreift. Um das Geheimnisvolle abzuschließen: nach Mitternacht packt er mindestens 60 Jahre alte unbequem zu tragende Koffer mit Büchern voll und schleppt sie – er ist ein schmächtiger Mick Jagger Typ in ein sündhaft teuer renoviertes Eckhaus auf der anderen Straßenseite.
Wie gesagt, diese Aufdeckung von Phänomenen auf die man sich keinen Reim machen kann, gefiel mir, nicht aber, dass die Nebelleuchte immer noch nicht brannte.
Die passende Birne ließ sich nirgendwo auftreiben und die dort drinsteckte, sah nicht defekt aus. Also willst du natürlich die brennende von der anderen Seite einsetzen. Den Scheinwerfer konnte ich schon vor Jahren in einer allgemeinen Wartungsaktion auch unter zur Hilfenahme von Werkzeugen nicht öffnen. Das liegt an einem Unfall auf der Seite vor meinem Erwerb.
Dann geschah das Wunder, das meinem Leben eine neue Daseinsrichtung geben sollte. Ein wirkmächtiger Satz, ein Impuls, der nicht nur den Scheinwerfer öffnete, sondern eine Welt.
In einem Video hörte ich einen philosophisch-anthropologischen Vortrag von Peter Sloterdijk über die Hand.
„Jedes Werkzeug ist eine Verlängerung der Hand.“
Ich verstand unmittelbar.
Seitdem schaffe ich einfach alles, und natürlich ploppte der Scheinwerfer nach vorne raus, gefügig gemacht von leichter Hand.
Du kannst jedes Werkzeug gegenüber der Hand vergessen, allein schon wegen des Daumens, dann das Handgelenk, die Fingerkuppen, von keiner Drehbank je erreicht. Also wenn du etwas bewerkstelligen musst, drehen, schieben, drücken, heben, reißen, bohren, streichen oder einfädeln, dann vergiss das Teil, dass du dort befestigen oder lösen willst, nimm auch das Werkzeug, das du in Händen hältst, nur im Unterbewusstsein wahr. Konzentriere dich bis in die Haarwurzeln deines Seins auf deine Hände. Beobachte, was sie tun und was nicht, wohin sie sich biegen, was sie noch nicht ausprobiert haben, nimm jede Zuckung, jedes Nachgeben in deine Kalkulation auf, achte auf die Nuancen in der Stärke und zu welchem Zeitpunkt deine Hände greifen und begreifen.
Die Welt wird sich dir als devotes Sesamöffnedich erweisen. Das schlagenste Beispiel für das, was ich meine, wo vieles von dem Beschriebenen zum Tragen kommt, ist der Orthopäde, der ein ausgekugeltes Gelenk wieder einrenkt.
Steinkult repariert seinen Citroen XM nicht, sondern renkt ihn ein.
So unverständige wie worteinfallslose Neider werden hierin in ihrer nachäffenden Art nichts als eine Verrenkung sehen, denen möchte ich mit vorauseilenden Backpfeifen auf Magooart antworten:
Die Kraken seines Ranges
noch den ganzen Sommer rankten
an der steilen Tonleiter eines Gesanges
sie, während Dumpfbolde sich zankten
Wer aber von der bittermandelblütigen Abtrünnigkeit neuer Ideen, noch mehr meint vertragen zu können, den verweise ich auf Gilles Deleuze und seine Ausführungen zur Malerei von Francis Bacon, in denen das Zusammenwirken von Hand und Augen durchdacht wird.
https://monoskop.org/images/1/1f/Deleuze_Gilles_Francis_Bacon_The_Logic_of_Sensation.pdf
To describe the relationship of the eye and the hand, and the values through which
this relation passes, it is obviously not enough to say that the eye judges and the hands execute.
Not enough!
The relationship between the hand and the eye is infinitely richer, passing through dynamic tensions,logical reversals, and organic exchanges and substitutions
The paintbrush and the easel can express a general subordination of the hand, but no painter has ever been satisfied with the paintbrush. There are several aspects in the values of the hand that must be distinguished from each other: the digital, the tactile, the manual proper, and the haptic
One might say that painterspaint with their eyes, but only insofar as they touch with their eyes.