Noch eine große Sache musste ich für mein „Projekt“ - ja was - klären, gar lösen lässt es sich nicht. Sagen wir so, ein halbwegs glaubwürdiges und undurchschaubares Ausredengespinnst, ein geschmeidiger und prophylaktischer Katastrophenschutz musste ersonnen werden -
denn ich lebe mit einem ausgewachsenen Tiger zusammen.
Katzenfreunde werden wissen, dass Domestizierung nur eingeschränkt gelingt.
Ein Tigerweib 'denkt' in Revierkategorien. Dringst du dort ein, verrückst eine Vase oder nimmst gar irgendein Krimskram weg und versteckst es – sie entdeckt es immer und erscheint dir der Gegenstand der Diskussion noch so läppisch, da wird alles gegeben, um den stratus quo zu verteidigen.
Manchmal kommt mir mein Tiger regelrecht menschlich vor, sie hat einen Sinn für Abstraktion. So sehr ich das bewundere, bedeuten diese Tabuzonen eine Ausdehnung ihres „Reviers“. Im Badezimmer geht die Uhr grundsätzlich 15 Minuten vor. Das muss so sein, damit sie allmorgendlich, wenn sie in die Küche geht und auf die Uhr schaut, die dort hängt, sich freudig überrascht zeigen kann:
'Ach, wie schön, dann habe ich ja noch ein bisschen Zeit, bevor ich zur Arbeit fahre'.
Ich habe das lange ertragen, bis mir eines Tages diese Tigerlogik nicht mehr einleuchtete, und ich die Uhr im Badezimmer auf die richtige Zeit einstellte - nicht eine von meinen guten Ideen...
Jetzt nutzt sie mit ihrem Wagen die Garage häufiger als ich und, nicht nur ihr Fahrrad steht dort, sondern an der Regalwand vor Kopf noch viele Taschen voll von ihrem Getöns. Nach meinen kurzen Erklärungen wird jeder verstehen, welche schier unlösbaren Schwierigkeiten ich aus dem Weg räumen musste. Auch das zählt zu Leistungen und Kosten (!) dieses Gesamtkunstwerks.
Geschafft habe ich es vorläufig durch eine Mischung und Verfeinerung meines Repertoires von Hinterlist:
herumdrucksen, auf- und verschieben, Halbwahrheiten erzählen, vertrösten.
Im Moment befinden wir uns in einem Stadium, wo nur noch größere Geschenke helfen.
P.S: Ich bin kein Sänger, aber zweimal habe ich es trotzdem ernsthaft versucht: beim Chanson von Charles Trenet „La Mer“ und bei Luigi Tenco, „Vedrai, vedrai...“ Letzeres bedeutet „Du wirst sehen“. Alle Strophen handeln von den Freuden und Schwierigkeiten einer jungen Ehe, im besonderen von den vielen kleinen Unzufriedenheiten der Frau und der vertröstenden, versprechenden, im eigentlichen Sinn aber verzweifelnden Losung – vedrai, vedrai. Denn der Klagende weiß, er wird es nicht schaffen. Seine großen Gefühle kommen gegen die unerbittliche Logik einer Trennung nicht an.
Schwer nachzusingen – Antonio Licari traf den Ton (nicht aufs Video schauen, sondern hinhören), Jack Savoretti aber hat den Sinn des Liedes erfasst, der lange Ausklang in den süßen, wie grausamen und traurigen Tangoklängen, hätte nicht besser gewählt sein können.