Putins Trollfabrik fährt scheinbar gerade Sonderschichten, es gibt wohl Sonntagszuschlag...
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https://www.ruhrbarone.de/russlands-krieg-gegen-die-ukraine-kann-man-mit-habituellen-luegnern-verhandeln/211240/
Die Enstehung einer Verschwörungtheorie
Am 23. Juli 2022 wurde der Vertrag unterzeichnet, der sowohl Russland als auch der Ukraine Getreideexporte über das Schwarze Meer ermöglichen sollte. Der Vertrag beinhaltete u.a., dass sich beide Vertragsparteien verpflichteten, Hafenanlagen nicht anzugreifen. Schon am Morgen nach der Vertragsunterzeichnung wurden von einem russischen Schiff Raketen auf den Hafen von Odessa abgefeuert, von denen zwei in der Luft abgefangen wurden, während die beiden anderen einigen Schaden im Hafen verursachten.
In einem Spiegel-Online Artikel am gleichen Abend wurde der Vertragsbruch durch die russische Seite aufs schärfste verurteilt. Zugleich enthielt der Artikel folgenden Satz: „Der türkische Verteidigungsminister sagte jedoch, russische Beamte hätten Ankara mitgeteilt, dass Moskau den Angriff dementiere. ,In unserem Kontakt mit Russland sagten uns die Russen, dass sie absolut nichts mit diesem Angriff zu tun hätten. " Zu dem Artikel wurden binnen 12 Stunden rund 2.400 Leserkommentare gepostet. Gleich der allererste Kommentar lautete:
„Die Russen haben diesen Angriff laut türkischen Angaben nicht getätigt, also warum wird das nicht erst einmal akzeptiert, bis die wahren Täter überführt sind? So lange gilt die Unschuldsvermutung! Ganz easy, wa?“
Die erste Reaktion auf diesen Kommentar war:
„Sobald Russen involviert sein könnten gibt es in Westeuropa keine Unschuldsvermutung. Der Russe ist immer Schuld.“
Und die zweite Reaktion:
„Weil man das hier einfach nicht wahr haben will dass die geliebte Ukraine irgendetwas böses macht.“
Der zweite Kommentar lautete dann:
„Wer hätte Interesse an so einem Angriff? Russland sicher nicht, die Ukraine hätte aber bestimmt Interesse daran dass Russland diesen Angriff ausgeführt hat, damit Russland weiter als Agressor da steht. Nicht vorschnell urteilen.“
Daraufhin entwickelte sich eine lebhafte Diskussion mit Meinungen und Gegenmeinungen, in deren Verlauf die prorussischen Kommentare noch weitere Argumente brachten, um Gegenargumente anzugreifen.
Es ist (trotz der orthographischen und grammatikalischen Fehler und teilweise russischer Usernamen) nicht ersichtlich, ob diese Kommentare von Sankt Petersburger Trollen gepostet wurden oder von deutschen Russlandfreunden (das „wa“ deutet auf einen ostdeutschen Dialekt hin). Es ist letztlich nicht relevant für die Wirkung dieser Posts, die zeigen, wie man binnen weniger Minuten eine kleine Verschwörungstheorie mit klassischer Täter-Opfer-Umkehr konstruiert.
Man knüpft dabei an durchaus positive Haltungen an: die grundsätzliche Kritikfähigkeit, nicht alles zu glauben; die Unschuldsvermutung, die gilt, bis eine Schuld zweifelsfrei bewiesen ist; die Fairness gegenüber beiden Kontrahenten eines Konflikts. Die Verdrehung der Wahrheit erfolgt dann nach dem Prinzip einer Steigerung in kleinen Schritten, vom Säen von Zweifeln an einer offenkundigen Tatsache („solange nichts bewiesen ist…“) über scheinbar unauffällige Falschbehauptungen („laut türkischen Angaben“) und angebliche Plausibilitätsschlüsse („die Ukraine hat ein Interesse, Russland einen Angriff in die Schuhe zu schieben“) bis hin zur vollständigen Umkehr der Wahrheit („die Ukraine hat den Angriff inszeniert“).
Ein wesentliches Element der Täter-Opfer-Umkehr sind scheinbar logische Plausibilitätsschlüsse auf der Basis wilder Cui-Bono-Spekulationen. Wer die Frage „Wem nützt es?“ stellt, reklamiert für sich eine besonders hohe Intelligenz, auch wenn die Antworten völlig aus der Luft gegriffen sind. Cui-Bono-Spekulationen ersetzen Beweise, deren Aussagefähigkeit die Kommentatoren prinzipiell anzweifeln: Fotos und Video können manipuliert sein, Aussagen erfunden worden sein etc. Die Verschwörungstheorie wird gegen Fakten immunisiert. Wir kennen das von der „Lügenpresse“-Keule.
Das habituelle Lügen (der russischen Föderation) wird relativiert, indem darauf hingewiesen wird, dass alle anderen ebenfalls lügen – die ukrainische Regierung, die Bundesregierung, die westlichen Medien. Wer der Bundesregierung oder den Vereinten Nationen mehr Glauben schenkt als Putin, wird als naiv gebrandmarkt. Zur Täter-Opfer-Umkehr gehört, den Aggressor moralisch in Schutz zu nehmen („Unschuldsvermutung“), weil dieser stets als der Böse dargestellt würde. Umgekehrt werden dem Opfer verbrecherische Motive unterstellt.
Zu den rhetorischen Mitteln der Konstruktion einer Verschwörungstheorie gehört, selbst im Brustton der Überzeugung zu argumentieren, auf scheinbar gesichertes Wissen zu verweisen, Quellen zu zitieren, die gar nicht existieren, die unzuverlässig sind oder die etwas ganz anderes aussagen, und insbesondere den Eindruck zu vermitteln, man verfüge selbst über überlegenes Wissen, während alle Anderen einer einseitigen und manipulierten Berichterstattung der Mainstream-Medien zum Opfer fielen.
Verschwörungstheorien begehen klassische methodologische Fehler. In unseren Einführungen zur Methodik wissenschaftlichen Arbeitens vermitteln wir, dass Theorien logisch sein sollen, widerspruchsfrei, präzise, empirisch prüfbar, plausibel, verhältnismäßig, klar, verständlich und eindeutig. „Ockhams Rasiermesser“ besagt, dass einer einfachen Erklärung der Vorzug vor einer komplizierten zu geben sei. Eine Theorie, deren Voraussetzungen aus Fakten bestehen, ist einer Theorie vorzuziehen, die sich auf Spekulationen oder esoterische Annahmen gründet. Verschwörungstheorien machen das Gegenteil. Anstatt einfache, naheliegende und plausible Erklärungen zu akzeptieren, ergehen sie sich in komplizierten Windungen und treffen abwegige Annahmen. Ein Kommentator hat das Vorgehen der Verschwörungstheorie mit folgenden Worten ironisiert:
„Also ich denke das naheliegenste ist doch das es so gelaufen ist: Die Ukrainer haben ein Enterkommando auf ein Russiches Kriegsschiff geschickt und dann die Rakten abgeschossen. Dann haben sie die Besatzung geblitzdigst und sind wieder wech.“
Und:
„Manch Mensch mag es kompliziert. Es kann doch nicht so einfach sein das es die Naheliegenste Sache ist. Nein Nein da muss doch mehr hinter stecken. Die Russen ist viel zu naheliegend die waren das nicht. Das waren die Amis die haben die Russischen Raketen geklaut und abgeschossen.“