Ich halte das für eine Frage des Charakters.
Wenn man mal als modellhafte Vorstellung für gebildete Menschen Wissenschaftler nimmt, dann wird man zugeben müssen, dass es auch unter denen Starrköpfe und solche auf Irrwegen gibt.
In der Tendenz ist es aber so, dass mehr Bildung erstens lehrt, strukturiert zu denken, also etwa zu begreifen, dass es Nuancen und nicht einfach nur schwarz und weiss gibt. Ergo zögert man wohl eher, loszuschlagen. Auch, weil man durch die Art, wie man an höheren Schulstufen (Fachschulen, Unis, Technische Hochschulen, etc) zu denken lernt, eher erkennt, dass, was man für richtig hält nicht automatisch alles, was dem entgegen läuft, als falsch ansehen darf.
Zweitens erweitert sie den Horizont, und mindert das Problem des "Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht!" in der Tendenz ab.
Nur gehört dazu auch sowas wie Toleranz und Weisheit. Toleranz würde ich, auswendig, grob als die Fähigkeit umschreiben, Dinge, die einem nicht gefallen, auszuhalten, und zu akzeptieren, wenn sie nicht zu ändern sind, oder dazu Gewalt nötig wäre. Weisheit wird zwar einfacher zu erreichen sein, wenn man nicht völlig ungebildet ist, hat aber an sich nicht zwingend mit dem Bildungsstand zu tun, sondern eher mit Lebenserfahrung. Die erlaubt nämlich, Geschehnisse und Ideen zueinander ins Verhältnis zu setzen, was oft ein tieferes Verständnis betrachteter Vorgänge erlaubt, und in der Regel zu mehr Ruhe und Gelassenheit führt, was dann - grundsätzlich - zu mehr Verständigungsbereitschaft führen kann. Kann und grundsätzlich, also mit Ausnahmen, weil Weisheit oft auch mit Altersstarrsinn zusammentrifft, und sich dann nicht durchzusetzen vermag.
Wo die Formel, dass mehr Bildung auch mehr Wohlstand bedeute aufgeht, da stimmte die Gleichung mehr Bildung = mehr Frieden mit fast schlafwandlerischer Sicherheit. Frieden schafft man nämlich recht effizient damit, dass man dafür sorgt, dass die Menschen viel haben, und damit, dass sie im Kriegsfall viel zu verlieren haben.
Das ist nur einer von vielen Faktoren, aber ein wesentlicher, und vermutlich ist das auch ein Faktor in Russland. Wer eh "nichts" hat, den schreckt ein Krieg eher nicht, denn noch weniger zu haben, ist ja schwer vorstellbar, so dass der Glaube entsteht, man habe nichts zu verlieren.
Allerdings bedeutet mehr Bildung heute nicht mehr Wohlstand. Ein relativ ungebildeter Handwerker, der mit 16 eine Lehre macht, und mit 20 den Meisterbrief, wird es mit einiger Sicherheit zu Wohlstand bringen, während der Studierte, der erstmal 5 Jahre als Teilzeitassistent arbeitet, dann doktoriert oder auch nicht, und sich dann die nächsten 20 Jahre von Jahresvertrag oder Dreimonatsprojekt zu Dreimonatsprojekt, hangelt, allenfalls auch mit Lücken, unter umständen recht frugal vegetiert, erst recht, wenn er dann auch noch mehrmals geschieden wird und zur Kinderbetreuung jahrelang Teilzeit arbeitet, während der eher einfach denkende Handwerker vielleicht einfach heiratet und seiner Frau plausibel machen kann, dass er mehr verdienen kann als Sie, und deshalb bei 100%+, weil selbständig erwerbend, bleibt, und die beiden unter Umständen dann doch besser leben als der Frugalakademiker, der nicht zu dem glücklichen Prozent gehörte, die es bis zum eigenen Lehrstuhl mit sechsstelligem Gehalt und Verbeamtung bringen.