Aus vollem Herzen stimme ich Dir zu. Allerdings glaube ich nicht, dass der Konflikt begrenzt und nicht eskalierend sein kann, da Putin einfach andere Maßstäbe hat, als Du oder ich. Es gibt (sehr grob gesagt) nur zwei Möglichkeiten: Putin gewinnt und wird sich, wie er es angesagt hat, weitere Gebiete einverleiben (Moldau, Georgien und die Baltischen Staaten). Das kann dann etwas dauern oder (Moldau) mal ebenso nebenbei geschehen. Bei diesem Szenario wird Putin in der Ukraine für massenhaft Tod, Folter und Zerstörung sorgen. Nebenbei werden viele junge Russen gestorben sein oder verletzt, verkrüppelt zurück kommen. Die zweite Möglichkeit ist, dass die Ukraine es (auch für uns) schafft, weitestgehend oder komplett, die russische Armee aus der Ukraine zu vertreiben. Was allerdings auch sehr viel Tod und Zerstörung bedeutet.
Das wird allerdings nur dann langfristig Erfolg haben, wenn Putin gestürzt wird und der neue Herrscher erkennt, dass diese Art der Politik niemanden einen Vorteil und nur allen Seite massive Nachteile bereitet. Das wiederum hätte man auch locker schon in den letzten Jahrzehnten erkennen können.
Keine schönen Aussichten.
Die einzige Hoffnung, die ich habe, die zu einem halbwegs erträglichen Ergebnis führen könnte, ist, dass China und Indien deutlichere Worte an Putin richten und klarmachen, dass die Unterstützung Russlands nicht mehr gewährleistet ist. Das wiederum setzt voraus, dass die USA sehr deutlich signalisieren, dass sie nicht versuchen werden, die Situation für eigene (schnelle) Vorteile auszunutzen. Was ich mir wiederum kaum vorstellen kann, vielleicht nur dann, wenn Europa als Gegengewicht wirkt und ein Frieden deutlich wichtiger eingestuft wird, als dieser ganze machtpolitische Scheiß der letzten Jahre. Wäre vielleicht sogar die Chance endlich mit dem ganzen Kriegsmist zu brechen und sich den Problemen der Menschheit zuzuwenden. Ja, ich bin Utopist....
Daher halte ich das Zögern von Scholz für falsch und ein sehr gefährliches Signal an Putin. Es ist leider ein nichts: nicht wirklich unterstützen, aber nicht unterstützen auch nicht. So ein bisschen wie Clinton: bisschen Kiffen, aber nicht richtig. Sex mit der Praktikantin, aber nur anfassen - arme Sau. Lass es oder mach es richtig! (das mit der Praktikantin lassen, dafür mal richtig kiffen, das wäre mein Rat gewesen. Aber wer hört schon auf mich)
Die Frage, den Konflikt so klein zu halten, dass es uns nicht betrifft, ist leider eine sehr fiese Frage: ab wann ist es auch für uns nicht mehr zu ertragen? Wenn wir statt 180 km/h nur noch 100 km/h fahren dürfen, wenn alles teuer und einiges zu teuer wird, wenn wir frieren, sterben? Oder nur der neben uns stirbt? Aber was ist neben uns? Deutscher, Europäer, Menschen aus Europa oder Menschen an sich? Wir sehen vor allem die Erschossenen und Verletzten - aber was ist mit den Menschen in ärmeren Ländern, die in den nächsten Monaten verhungern werden, die aufgrund der weltweiten Wirtschaftskrise keine Arbeit, keine Perspektive mehr haben? Und das, diese Toten, diese Verletzten, diese Perspektivlosigkeit, hätte es auch gegeben, egal ob Scholz einen oder keinen Panzer geliefert hätte.
Das ist das Problem, das ist das unglaublich Gemeine: wir entscheiden, wer stirbt - das gestorben wird, das wurde schon von Putin entschieden.
Der Text ist nicht rund und auch nicht komplett zu Ende gedacht. Ich kann es schlicht und einfach nicht. Aber die Grundfrage, ob wir - falsch, ob ich eine Chance habe, mit sauberem Gewissen aus dieser Geschichte zu kommen, diese Frage beschäftigt mich seit etwa einem Jahr. Ich finde keine befriedigenden Antworten. Das was meine Logik mir sagt, dass erträgt meine Moral nicht. Meine Moral empfindet wiederum meine Ratio als Widersprüchlich, Fies und nicht haltbar. Ich weiß nur, dass ich mich diesem Ganzen nicht entziehen kann, da es kein "nichts tun", kein "nicht handeln", gibt. Da existiert leider keine saubere Lösung. Zumindest werde ich wahrscheinlich nicht an diesem Krieg sterben, nicht vergewaltigt und nicht verkrüppelt sein - aber dieses Wissen macht es fast noch unerträglicher: es sind andere und nur weil es nicht vor meinen Augen passiert, ist es trotzdem tausendfach da. Und ich weiß es und kann es nicht vergessen.
Danke Putin. Du bist der einzige Grund, warum ich nie Pazifist war.