Du solltest Deine eigene Unfähigkeiten nicht auf andere übertragen. Hast Du Dir mal darüber Gedanken gemacht, wie das Leben der Menschen abläuft, die Du jetzt gerne an Putin verschachern würdest? Oder einfach mal überlegt, was mit den Menschen in Moldau und Georgien und so weiter und so fort passieren würde?
Du darfst gerne eine andere Meinung haben, absolut kein Problem. Aber Du solltest zumindest so viel Willen haben, die Dir aufgezeigten Widersprüche zu erkennen. Deine "andere Leute sind mir Scheißegal Haltung" macht Deinen Pazifismus komplett unglaubwürdig - den dann würdest Du Dir zumindest auch mal die Frage stellen, was aus den Menschen wird, die jetzt dort leben und einfach so mal zu Russen dritter Ordnung gemacht wurden. Erst, wenn Du diesen Widerspruch akzeptierst, erst dann macht es Sinn, sich in einer Diskussion auszutauschen und erst dann wird es auch interessant, sich mit den Gedanken "der Anderen" auseinander zu setzen.
Kleiner Tipp: im Titel steht schon eine Antwort auf Deine Unterstellung. Falls Du mal "la fin de léspoir" gelesen hast (Jean-Paul Sartre - nicht mehr sehr einfach zu finden), wirst Du diese Seite erkennen können: Menschen verschwinden in Knästen und eine Generation wird vernichtet, weil einem Diktator eben kein Widerstand entgegengebracht wird und es einfacher war, weg zu schauen. Und die, die verschwanden waren die, die sich als erste Menschen in Europa gegen den Faschismus aufgelehnt hatten. Mit einigen wenigen Überlebenden hatte ich das Glück, in den 80er Jahren reden (und zuhören) zu können. Eine Kernaussage war, wie in dem Text von Sartre beschrieben: und bei der Befreiung Europas haben wir in den Knästen gesessen und uns gefreut und geglaubt, dass jetzt unsere Befreiung kommen würde. Aber nichts passierte, diese Scheiß-Demokraten haben uns einfach vergessen und uns in den Knästen verrecken lassen. Und wir begriffen, was es bedeutet: la fin de léspoir.
"Clérambault" von Romain Rolland. Das ist ein Pazifismus, den ich verstehen kann. Warum? Weil er nicht versucht, die Widersprüche wegzuwischen, sondern dafür Lösungen sucht (und sie teilweise nicht findet). Aber gerade das macht es interessant, weil eben nicht "eine Welt, wie sie mir gefällt" gebastelt wird, sondern durchaus die Widersprüche der Situation, die Unmöglichkeit einer einfachen Lösung, aufzeigt wird. Er stellt sich unter anderem die Frage, warum Intellektuelle (und Pazifisten) nicht in der Lage sind, radikal für ihre Ideale einzustehen und dann auch die Konsequenzen zu tragen. Bisschen ungerecht, aber aus der Zeit des ersten Weltkrieges vielleicht richtig. Sehr spannend, sehr erhellend und schon so alt.
Es gibt Situationen, da gibt es kein gutes Handeln mehr, da ist es schlicht und einfach zu spät. Dann kann man sich beleidigt zurücklehnen und im sicheren Hafen der eigenen kleinen Welt ein mutiges "nie wieder Krieg" brüllen und alle diejenigen Vergessen, die gerade eben diese Möglichkeit nicht haben - oder man wird sich bewusst, dass - zwar in Sicherheit - die kleinen Hände so oder so einfach nicht sauber bleiben können. Ja, Scheiße, zum kotzen und unerträglich. Und nicht zu ändern.
Pazifismus ist eine Idee, deren Umsetzung in jedem unserer Köpfe ein großes Gewicht haben sollte - aber es ist einfach kein Pazifismus, hunderttausende Menschen im Dreck verrecken zu lassen, in den Gulags verschwinden zu wissen oder mal wieder einen Manager beim Selbstmord erwischt zu haben. Das ist kein Pazifismus, das ist Selbstgerechtigkeit, Dummheit und eine zum brechen unerträgliche Ignoranz der Wirklichkeit.
Noch einmal ganz deutlich: ich habe eine Position, die mich nicht befriedigt, die ich ziemlich unerträglich und belastend finde. Aber ich nehme sie ein, weil ich auch die anderen Möglichkeiten unglaublich brutal und scheiße finde. Und weil ich einfach nichts besseres weiß, nichts schlaueres zu schreiben habe. Ich glaube, dass dieser Krieg noch sehr viel Elend, Dreck und Tod bringen wird - aber ich glaube, dass es so das kleinere Übel ist. Und ich bin der festen Überzeugung, dass es ein nichts tun einfach nicht gibt. Nie