Nicht so pessimistisch...
Die Abschaffung des Splitting ist nicht der Weg eine Gleichberechtigung umzusetzen. Es ist allerdings ein kleiner Baustein in Richtung Gleichberechtigung. Das ein sofortiges Wegfallen des Splitting individuelle Probleme nach sich ziehen kann, sollte bei einer grundsätzlichen Überlegung erst einmal (!) keine Rolle spielen. Man kann nicht etwas schlechtes Weiterführen, weil eine Veränderung für einzelne Nachteile bringen könnte und der zweite Schritt ist ja immer auch die Umsetzung, der Zeitraum und ergänzende Maßnahmen. Da könnte man ja clevere Lösungen schaffen und eine schlechtere finanzielle Stellung verhindern.
Mir wäre es bedeutend lieber, wenn das eingesparte Geld für Kindergärten, Essenverpflegung in Kita und Schule und Hortbetreuung gesteckt werden würde. Frauen hätten dann auch mehr Freiheit sich auszusuchen, was sie machen möchten. Auch würde, eine gesellschaftliche Übereinkunft vorausgesetzt, Kinder schon sehr früh in die Kita zu bringen, soziale Unterschieden verkleinern und vorgegebene soziale Wege aufbrechen. Z.B. sind die Schnöselkinder auch mal mit dem Unterschichtskind befreundet und sehen sehr früh, wie cool der Kumpel ist. Auch Kinder aus Migrationsfamilien haben dann die Möglichkeit, wenigstens eine Sprache richtig zu erlernen (und dadurch die zweite Heimatsprache ebenso), was wiederum den Menschen und der Gesellschaft sowie der Wirtschaft gut tut.
Mir ist es völlig egal, ob jemand 10 oder 40 Stunden arbeiten möchte - ich habe nur keine Lust mir anzuhören, dass ich dann den Ausgleich zwischen 10 und 40 Stunden über meine Steuerzahlungen zu leisten hätte. Ich unterstütze lieber die, die keine Wahl haben.
Frauen werden schlechter bezahlt, weil es von früh an ein schieben in Richtung "Herd" gibt. Selbst in aufgeschlossenen Partnerschaften ist es fast immer die Frau, die sich nach der Arbeit um den Einkauf, das Kochen und die Wäsche kümmert. Er macht dafür ja den Grill an. Dazu passt es dann auch gut, dass durch das Splitting die Frau (meistens auch noch weniger Stunden arbeitend) weniger Netto bekommt. Fatal bei einer Arbeitslosigkeit, da das Arbeitslosengeld auf Nettobasis berechnet wird. Schlecht bei einer Trennung, da emotional (nein Düsseldorf, das war keine Aufforderung zum Schreiben) das Geld für eine eigene Versorgung ja nicht reichen kann und das gekoppelt an "verlorenen Jahren" im beruflichen Aufstieg. Wie viele Frauen schaffen es, nachdem die Kinder mehr oder weniger flügge sind, voll in ihren Beruf einzusteigen? Letztendlich fehlt es dann bei der Rente - klassisch macht er früher die Grätsche und sie hat halt immer weniger gearbeitet und somit wenig in die Rente eingezahlt.
Die Abschaffung des Splitting ist keine weitere Verschiebung von unten nach oben - anders herum wird ein Schuh daraus: Ehegattensplitting manifestiert Herrschaftsverhältnisse, es festigt die dominierende Rolle des Mannes in der Familie und festigt emotionale und faktische Abhängigkeiten von Frauen. Es ist ein Teil der dazu beiträgt, dass Frauen in der Familie - kinderlose Ehen waren ja eigentlich auch nicht vorgesehen - ihren angestammten Platz einnehmen: zu Hause, bei Kindern und Herd. Und finanziell schlechter gestellt.
Das hat dann für Rentnerinnen böse Folgen. Die Altersarmut ist bei Frauen deutlich höher. Und das, obwohl mehr Frauen Abitur haben als Männer und im Schnitt auch bessere Noten erzielen konnten.
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2022-10/fahimi-ehegattensplitting-fahkraeftemangel
Ich finde es ja schon etwas befremdlich wenn sich die Frau fuer die Interessen der Industrie einsetzt.
Hier unterliegst Du einem gewaltigem Fehler. Frau Fahimi sieht zwei Dinge:
Frauen werden faktisch und emotional in Teilzeitjobs gefangen. Das schadet ihnen, der Ausgleich des Splittings ist nur ein sehr kleiner Ausgleich für die entgangenen Chancen und Möglichkeiten und die verlorene finanzielle Selbstständigkeit, und dieser Ausgleich kommt meist noch nicht einmal bei ihr an.
Das zweite ist, dass es sich eine Gesellschaft auch erst einmal leisten können muss, 50 % ihrer Menschen gut auszubilden und sie dann ihrer beruflichen Möglichkeiten zu berauben. Sie (Fahimi)spricht nicht für die Industrie, sie spricht für Dich und für mich. Uns fehlen schlicht und einfach die Menschen, die wir für Arbeiten benötigen, die wir nicht mehr bekommen können. Weil es einen akuten Mängel an Fachkräften gibt. Es fehlen die hervorragend ausgebildete Frauen, weil sie durch unsere gesellschaftlichen Normen ans Haus gefesselt werden. Eine vermeidlich freie Entscheidung - komisch nur, dass diese freie Entscheidung hier in Deutschland fast ausschließlich Frauen treffen, die mittlerweile besser Ausgebildet sind, als die Krönung der Schöpfung und dadurch eigentlich deutlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben sollten, als die nichtsnutzigen Typen.
Skandinavische Länder gehen einen anderen Weg und zeigen einige interessante Ansätze auf. Neben dem Ausbau von Kita und Hort und die Regelung der Elternzeit, spielt dort auch die Steuerpolitik eine wichtige Rolle zur Gleichberechtigung. Nicht der Haushalt wird besteuert, sondern jedes einzelne Familienmitglied. Dadurch gibt es einen Anreiz zu mehr Erwerbstätigkeit, was zu mehr Einkommen, vor allem aber zu mehr fairer Einkommensverteilung führt. Das wiederum führt zu mehr Selbstvertrauen und Selbstbestimmung.
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/gleichberechtigung-wenn-frauen-arbeiten-waechst-die-wirtschaft-1.3980587
Gender Equality – 7 Dinge, die wir uns von Schweden abgucken können | futurdrei (futur-drei.com)
Ich bin nicht für oder gegen die Ehe - jeder kann so häufig heiraten, wie sie es schafft. Ich bin nur gegen Regelungen und Gesetzgebungen, die vordergründig Gerechtigkeit versprechen, aber eigentlich nur Kosten verursachen und alte, überkommene Machtverhältnisse weiter zementieren. Ich finde auch die finanzielle Unterstützung und Bevorteilung der Ehe falsch - ich bin dafür, Menschen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen und bei Familien dafür zu sorgen, dass die Kinder möglichst die gleichen Chancen haben. Egal ob das Kind mit Nachnamen Quandt heißt, die Eltern saufen, schwul sind oder sie Hausfrau und Zahnarztgattin ist.
Wobei Zahnarztgattin ein echt cooler Beruf ist. Fast so gut wie der Beruf Spielerfrauen.
In diesem Sinn ein schönes Wochenende